In den Fußstapfen der Herrnhuter Missionare


ein Reisebericht von Heiko Götze

 

In den letzten Wochen blickten die Augen der Welt auf eine riesige Atlantikinsel mit lediglich rund 56.000 Einwohnerinnen und Einwohnern: Grönland. Mit Fokus auf die aktuelle Geopolitik schweiften dabei manche interessierte Blicke über die Geschichte des Landes und seiner Bevölkerung. Einigen fiel dabei auf, dass auch die Herrnhuter Brüdergemeine eine wichtige Rolle darin spielt. Auf beeindruckende Weise, nämlich auf Kanus, erfahren haben das im Jahr 2008 Heiko Götze und Volker Mihan. Der nachfolgende Reisebericht ist erstmals im Herrnhuter Boten 09/2008 erschienen.

Bevor ich das erste Mal nach Grönland reiste, las ich vielfältigste Bücher über dieses Land. So verschieden diese waren – inhaltlich, als auch bezüglich ihrer Entstehungszeit, hatten doch nahezu alle eine Gemeinsamkeit. Die Bibliographie verwies auf folgendes Werk: Cranz, David, „Historie von Grönland enthaltend Die Beschreibung des Landes und der Einwohner etc. insbesondere die Geschichte der dortigen Mission der Evangelischen Brüder zu Neu= Herrnhut und Lichtenfels.“ (2. Auflage, 3 Bände, Barby/Leipzig 1770). Was muss das wohl für ein Werk sein, dass es von so vielen nach über 200 Jahren noch für wert befunden wird, gelesen zu werden?

Meine Neugier führte mich zu Volker Mihan, Missionspfarrer der Brüdergemeine in Cottbus (mittlerweile Pfarrer der Brüdergemeine Berlin, Anm. d. Red.). Bei meinem ersten Anruf an einem Nachmittag in der Woche erhielt ich die Auskunft: „Der Papa schläft.“ Ich dachte, ‚typisch Kirche‘ und was das wohl für ein alter Papa sei. Einige Tage später hatte ich ihn dann persönlich am Apparat, was mich zwar dem ersehnten Buch nicht näherbrachte, jedoch Volkers Interesse an einem möglichen Diavortrag von mir weckte.
Und so stand er eines Tages vor der Tür, der „alte Papa“, der genauso alt ist wie ich, in seiner gelben Motorradkombi, um die versprochenen Bilder zu sehen. Übrigens waren Volkers Gedanken während unseres ersten Telefonats ähnlich schmeichelhaft. Als er meine, wie er betonte, jünger klingende Stimme von Kajak und Grönland erzählen hörte, ging ihm nur, „Was rufen denn jetzt für Spinner hier an?“, durch den Kopf.

Fünf Jahre später, es ist fast wie im Märchen, sind der „Alte Papa“ und der „Spinner“ gemeinsam mit Kajak und der Idee, nach Spuren der Herrnhuter in Grönland zu suchen, in jenes Land gereist. Über einen für Grönland bestimmten Missionar der Brüdergemeine aus Oberdorla/Thüringen heißt es lapidar, dass er sich via Herrnhut und Christiansfeld nach Kopenhagen begab, zu Fuß. Wie zu Zeiten der Brüdermission, erfolgt auch heute noch die Anreise über Kopenhagen, obgleich schon lange keine Segelschiffe mehr vom alten Grönlandkai der Stadt ablegen.

 

 

Narsarsuaq


Alles, was man gemeinhin über Grönland zu wissen glaubt, findet der Flugreisende, der sich von Osten dem Land nähert, gesetzt den Fall die Sicht ist gut, bestätigt. Da ist zunächst der Ostgrönlandstrom, eine Küstenströmung, die unermüdlich Eismassen aus den polaren Gebieten südwärts führt. Die Küste steigt zu einem Hochgebirge empor, welches von den Farben Weiß und Grau dominiert wird, und dahinter schließlich die endlos erscheinende Weite des Inlandeises. Umso überraschter ist dann der 
Reisende bei seiner Ankunft in Narsarsuaq in Südgrönland, einem Ort mit viel Sonnenschein, gefühlten Temperaturen jenseits der 20°C-Marke und einem bewaldeten Berghang. Der erste Herrnhuter, der im Jahre 1765 dieses Gebiet erkundete, war der Missionar Matthäus Stach (1711–1787). Es war der äußerste Süden, welcher als letztes Missionsstationen der Brüdermission erhielt.

Wir werden uns mit unseren Kajaks, mit dem ursprünglichsten aller grönländischen Fortbewegungsmittel, von Süd nach Nord die Westküste hinaufarbeiten und dabei die Plätze der ersten beiden Missionsstationen Neuherrnhut und Lichtenfels aufsuchen. Die Zeit ließ es leider nicht zu, die südlichen Missionsorte mit einzubeziehen. So brachte uns ein Helikopter von diesem südgrönländischen Paradies im Tiefflug über Fjorde, schwimmende Eisberge, Gletscherabbruchkanten und das Inlandeis hinweg mitten in das wolkentrübe Paamiut, unseren Ausgangspunkt.

 

 

Paamiut


Paamiut, dessen dänischer Name Frederikshåb ist, wurde 1742 als Handelsposten gegründet und war mit Missionaren der Dänischen Lutherischen Kirche versehen. Matthäus Stach passierte den Ort auf seiner Erkundungstour nach Süden am 3. August 1765. Fünf Tage zuvor war er in Lichtenfels abgereist. Die Losung des 30. Juli 1765, dem Abreisedatum, lautete: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst und will dich wieder herbringen.“ 28 mitreisende Grönländer halfen, die Losung wahr werden zu lassen. Die Reise fand für diese Zeit typisch in Umiaks, auch Frauen- oder Weiberboote genannt, statt, da sie ausschließlich von Frauen mit Stechpaddeln gerudert wurden. Diese Boote waren offen, ca. 10 m lang und an beiden Enden spitz zulaufend. Die Männer begleiteten diese in ihren Kajaks. Die Reisegeschwindigkeit war, mit Hilfe der an und vom Meer lebenden Grönländer, enorm. Zwischen Lichtenfels und Paamiut liegen immerhin 120 km Luftlinie und an zwei von fünf Tagen konnten sie wegen Regens nicht fahren.

Unseren einzigen Tag in Paamiut, es war ein Sonntag, nutzten wir zur Besichtigung der schönen, im Norwegerstil erbauten Kirche und für den Besuch des Gottesdienstes. Im Anschluss suchte Volker das Gespräch mit der Pfarrerin, die sich als Katechetin herausstellte und nichts über die Herrnhuter bzw. Moravians wusste. Nun, es kann auch an unserem Unwissen gelegen haben, da die grönländische Bezeichnung für die Herrnhuter „noorliit“ ist, einem Ausdruck, der sowohl für die grönländischen als auch für die europäischen Mitglieder der Brüdergemeine verwendet wurde.

 

 

Lichtenfels


Am darauf folgenden Morgen saßen wir endlich in unseren Kajaks, versehen mit dem Notwendigsten und Proviant für dreieinhalb Wochen. Vorweg: Wir schafften es nicht in fünf sondern in sechs Tagen bis Lichtenfels und hätten doch lieber noch mehr Zeit haben wollen für vieles Interessante am Paddelweg. Und genauso wie Stach mussten wir anderthalb Tage auf besseres Wetter warten, da wir das größte Hindernis auf halbem Weg nach Lichtenfels, den Frederikshåbs Isblink, nicht bei rauer See passieren wollten. Diese gewaltige Gletscherzunge, die sich vom in diesem Teil Grönlands weit im Landesinneren liegenden Inlandeis bis fast an das Meer schiebt, hat über einen großen Zeitraum eine riesige Sanderfläche geschaffen. Die Küste bietet hier auf 20 km Breite nicht nur keinen Schutz, sondern ist infolge des Schwemmsandes sehr flach und fällt bei Ebbe in weiten Teilen trocken. Diese markante Stelle an der westgrönländischen Küste findet natürlich in allen Reisebeschreibungen der Missionare und Forschungsreisenden Erwähnung. Zumal die Gletscherzunge zu Stachs Zeiten noch bis zum Meer reichte. Uns war das Glück beschieden, bei zwar mäßiger Sicht, aber völliger Windstille dem Schrecknis zu entkommen.

Das von Menschen verwaiste Lichtenfels, auf grönländisch übrigens Akunnaat, liegt auf einer etwa 25 km² großen Insel. Über eine schmale Durchfahrt kommt man in eine wunderbar geschützte ausladende Bucht. Der Platz ist ein kleiner, von Hügeln eingeschlossener Kessel. Und genau das missfiel Matthäus Stach, als er gemeinsam mit zwei Brüdern und einigen Grönländern diesen Ort als neue Missionsstation auswählte. Denn dieser war durch die Berge rundherum und nur drei Breitengrade unter dem Polarkreis liegend, für drei Monate ohne Sonne. Aber alles Suchen nach einer besseren Stelle half nicht, und so begann man am 25. Juli 1758 mit dem Bau eines ersten Hauses aus Steinen und Grassoden. Drei Jahre später erhielt die neue Missionsstation ein in Kopenhagen vorgefertigtes Gebäude, ein großes Wohnhaus nebst Kirchensaal. Ende 1768 wohnten 257 Grönländer in Lichtenfels, von denen 76 ungetauft waren. Für damalige Verhältnisse war dies eine erhebliche Konzentration an Menschen, die an diesem Platz vorher nicht vorhanden gewesen war. Und das aus gutem Grund. Das Land, aber viel wichtiger das Meer, konnte unter den damaligen Jagdmethoden gar nicht mehr Menschen ernähren, und so war die Station Lichtenfels bald als das Armenhaus Grönlands bekannt. Darüber hinaus mangelte es an Treibholz in ausreichender Menge und Qualität sowie an Robbenhäuten für die Anfertigung von Kajaks und Umiaks, die für den Lebenserhalt unabdingbar waren. Das waren aber Probleme, die das Leben in den anderen Missionsstationen ebenfalls prägten.

Verschärft wurde die Situation zudem durch den Handel, welcher ab 1774 ausschließlich in den Händen der Königlich Grönländischen Handelsgesellschaft lag. Einerseits war man von Seiten des Handels bestrebt, soviel wie möglich an Robbenspeck, Fellen, Walbarten und Walrosszähnen aufzukaufen, zum anderen waren die Grönländer an europäischen Tauschgütern wie Tabak, Angelhaken, Nähnadeln und Gewehren interessiert. Das führte nun dazu, dass die Grönländer nicht selten einen Teil des Wintervorrats weggaben, der ihnen dann spätestens im zeitigen Frühjahr fehlte.
Was ist geblieben von den Menschen, die hier gelebt und gelitten haben?
 
Da ist das Fundament des großen Wohn- und Versammlungshauses, welches mit so großer Mühe von zwei Missionaren, der dritte konnte körperlich nicht schwer arbeiten, gemeinsam mit einigen Grönländern errichtet wurde. Auch findet man einige Spuren von Grassodenhäusern und Betonfundamente aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber da hatte sich die Brüdermission schon aus Grönland zurückgezogen. Ein kleiner Acker oder Garten mit Entwässerungsgräben ist noch deutlich zu erkennen, und das wichtigste Zeugnis ist wohl der Friedhof. Auf diesem wurden nicht nur die Gemeindemitglieder Lichtenfels’ beerdigt, sondern ebenfalls getaufte Grönländer aus dem Umkreis. Wir fanden sogar zwei Grabsteine der Herrnhuter. Zumindest auf einem war deutlich der Name Beatus Warmow zu erkennen.

Volker machte mich noch auf etwas für die Herrnhuter Typisches aufmerksam: einen weißen Sarg, dessen eine Ecke aus einem Grabhügel hervorlugte. Man muss dazu wissen, dass es in Grönland nur wenige Orte gibt, die das Ausheben eines Grabes zulassen. So wurden die Toten auf ebener Erde bestattet und Steine darüber geschichtet.

 

 

Qeqertarsuatsiaat


Nur fünf Kilometer nördlich von Lichtenfels liegt Qeqertarsuatsiaat (Fiskenæsset) einer der malerischsten Siedlungsorte Grönlands. Die 260 Einwohner leben hauptsächlich vom Fischfang. Wir wählten zum Besuch den Landweg, eine häufig benutzte Verbindung zu Zeiten der Brüdermission, denn Fiskenæsset war eine 1754 errichtete Handelsloge. Das Zentrum bestimmt heute die rote Kirche, die zu Teilen aus dem ehemaligen Lichtenfelser Versammlungshaus errichtet wurde. Dieser galt natürlich unsere besondere Aufmerksamkeit.

Es war ein Sonntag mit blauem Himmel. Wir waren noch ein gutes Stück in den Bergen, als die Kirchenglocke zum Gottesdienst aufforderte. Und als der letzte zu umwandernde Meeresarm auch wirklich der letzte war, schafften wir es mit knapper Not pünktlich zur Andacht. Ein freundliches Kirchenschiff, erleuchtet von den Sonnenstrahlen und den Kerzen, die in jeder Bankreihe zu beiden Seiten des Ganges brannten, empfing uns. Der Gottesdienst war selbstverständlich auf grönländisch, jedoch gelang es uns mit Hilfe der Gesangbücher, der Orgel und der drei Besucherinnen, mitzusingen. Beim Durchblättern des Gesangbuches stellten wir übrigens fest, dass relativ viele Texte und Melodien deutschen Ursprungs waren. Was vermutlich auf die Brüdermission zurückgeht. Im anschließenden Gespräch mit dem Pfarrer war zu erfahren, dass dessen Vater die Kirche in Lichtenfels in den 1920er Jahren mit abgebaut und in Fiskenæsset wiederaufgebaut hat. Die Reste des Wohnhauses in Lichtenfels sind erst vor fünf Jahren abgebrannt. Schade.

 

 

Sind die Orte auch noch so klein, findet man trotzdem fast immer einen Imbiss mit einem bescheidenen Angebot an Fertiggerichten und Getränken. Da in entlegenen Plätzen kein Schild auf diese hinweist, fragten wir einen jungen Mann, der meine Vermutung bestätigte. Die örtliche Grillbar, wie man diese Einrichtungen in Dänemark und Grönland nennt, öffnet allerdings erst um 12 Uhr. Nun, wir hatten es ja nicht eilig. Kurze Zeit später trafen wir ihn ein zweites Mal, und da fragte er uns, ob wir einen Kaffee möchten. Als wir bejahten, meinte er, dass der jüngste Bruder seiner Frau heute Geburtstag hat und wir doch dort einen Kaffee trinken könnten. Zehn Minuten später saßen wir an einer gedeckten Kaffeetafel in einem warmen Wohnzimmer. Ganz anders erging es dem Missionar Christian Stach 1735 im zweiten Missionsjahr. Auf einer seiner Erkundungsfahrten bat Stach „eine Frau um einen Trunk Wasser, da sagte sie, ob ich ihr wollte eine Nähnadel geben ... einen jeden Trunk Wasser muss man ihnen Bezahlen.“ Für alles Mögliche „Bezahlung“ zu verlangen, war ein Ergebnis der Austauschbeziehungen zu Europäern (Walfänger, Handelsleute, Missionare).

Nach diesem einen Tag an Land kehrte nun der Paddelalltag wieder ein. Das bedeutete gegen sieben Uhr aufstehen, frühstücken, Sachen einpacken, Boote beladen und um ca. neun Uhr auf dem Wasser zu sein. Volker beschloss die Tage meist mit Angeln, und ich erkundete zu Fuß die nähere Umgebung. Die Landschaft ist karg. Umso mehr an der Küste, welche sehr den kalten Winden ausgesetzt ist. Hingegen kann es im Innern der Fjorde vegetationsreich sein, also bis 1,50 m hohe strauchartige Bäumchen. Hier holten die Missionare auch das Winterfutter für die Schafe und Ziegen. In der südgrönländischen Missionsstation Lichtenau gab es sogar zeitweilig Kühe. Außerdem wurde auch das Holz der Zwergbirken genutzt, wenn es an Treibholz fehlte. Tieren begegnet man selten. Auf dem Wasser sind es manchmal Robben und Schweinswale. Einmal sahen wir einen größeren Wal, vermutlich einen Zwergwal, der bis zehn Meter erreicht. An Land dominieren die Füchse. Sie halten aber sicheren Abstand, da sie bejagt werden. Noch scheuer sind die Rentiere, aus demselben Grund. Die Neuherrnhuter Tagebücher von 1759 berichten dazu: „Sie brachten (der Missionar Johann Beck mit seiner Frau) aus Kopenhagen drei Schafe mit, um einen Versuch zu einer kleinen Viehzucht zu machen, die recht gut gediehen ist, und ihnen bei dem immer mehreren Abnehmen der Rentiere wohl zu statten kommt.“ Im Julianehåbdistrikt in Südgrönland wurden die Rentierbestände 1750 schon als vernichtet gemeldet. Gelegentlich jagten die Missionare auch Schneehühner. Diese haben eine hohe Reproduktionsrate und sind auch heute noch recht zahlreich anzutreffen, wohingegen riesige Seevogelkolonien dem exzessiven Eiersammeln und der Überjagung zum Opfer fielen. Trotzdem blieben die Herrnhuter und alle anderen Europäer in Grönland immer von der Versorgung mit europäischen Lebensmitteln abhängig – und die Grönländer wurden es allmählich. Dies waren in der Anfangszeit der Mission hauptsächlich: Erbsen, Grütze, Malz, Schiffszwieback, Kaffee und Zucker.

Einen der zahlreichen Fjorde paddelten wir bis an sein Ende. Er erstreckt sich fast 50 km ins Landesinnere. Im hinteren Teil reichen Gebirgsgletscher bis ans Wasser, und auch das 
Inlandeis schickt seine eisigen Grüße zum Meer. Und das alles untermalt von der oben beschriebenen üppigeren Vegetation. Um nicht den gesamten Fjord zurückpaddeln zu müssen, nutzten wir eine günstige Stelle zum Umtragen in den Nachbarfjord, was uns 30 Kajakkilometer ersparte. Solche Umtragestellen verwendeten die Grönländer häufig, da sie es auf ihren Wanderfahrten vermieden, auf das offene Meer hinaus zu fahren. Diese Stellen sind aber rar. Sie bildeten dadurch natürliche Sammlungsplätze, da sie wie Nadelöhre auf den langen Bootsfahrten wirkten. Hier begegneten wir den einzigen Kajakfahrern auf der gesamten Reise. Es war ein grönländisches Paar aus Nuuk, das eben hier seine Kajaks umtrug, nur in entgegengesetzter Richtung.

Der südlich Nuuks gelegene Hjortetakken (Hirschzacken) kündigte das Ende unserer Tour an. Dieser recht steile 1188 Meter hohe Berg diente früher den Seeleuten als Wegweiser und den Grönländern „...zum Wetterzeichen, indem bei bevorstehendem Südsturm die Spitze desselben mit einer kleinen Nebelwolke umringt wird.“ Als wir uns dem Fuße dieses Wahrzeichens näherten, war von kleinen Nebelwolken weit und breit nichts zu sehen. Die zu erwartende Aussicht war uns einen Versuch wert, den Gipfel zu erstürmen. Eine völlige Selbstüberschätzung. Ab 1.000 Meter wurde es so steil und das Gestein so lose, dass wir uns den Nachruf „Zwei Paddler beim Klettern abgestürzt“ ersparen wollten. Die eingeschränkte Aussicht genossen wir dennoch.

 

 

Nuuk


Ein letzter Umweg galt der Nuuk vorgelagerten Insel Håbets Ø. Hier landete 1721 der dänische Missionar Hans Egede und begründete die Mission der Grönländer. Nur sieben Jahre währte das beschwerliche Dasein an diesem Ort, ehe man 1728 aus Gründen der besseren Besegelbarkeit nach dem heutigen Nuuk umzog und dort die Missionsstation und den Handelsposten Godthåb (Gute Hoffnung) errichtete. Egede kehrte 1736 nach Dänemark zurück und wurde Leiter der Grönlandmission. 1733 kamen schließlich die ersten Herrnhuter, die Brüder Matthäus Stach, Christian Stach und Christian David, nach Godthåb und legten, nur eine halbe Stunde Fußmarsch von dort entfernt, den Grundstein der Missionsstation Neuherrnhut. 1748 wurde der Kirchensaal fertig gestellt, der bis zum Ende der Brüdermission im Jahre 1899 seinen Dienst tat. Der Gebäudekomplex wurde in den 250 Jahren mehrere Male verändert und beherbergt nun, nach einer umfassenden Renovierung in den 1980er Jahren, Ilisimatusarfik – die grönländische Universität. Obwohl Nuuk, mit 14.000 Einwohnern Grönlands größte Stadt, aus allen Nähten platzt, befindet sich um diese alte Missionskirche eine Freifläche, die mit etwas Fantasie die Vergangenheit erahnbar machen lässt. Im Lehrraum erinnert eine Wandzeitung an die Ursprünge des Gebäudes.

 

 

Viel präsenter im Gedächtnis der Grönländer ist Samuel Kleinschmidt. 1814 als Sohn eines Missionarspaares in grönländischen Lichtenau geboren, erzogen und ausgebildet in Deutschland, Holland und Dänemark, kam er mit 27 Jahren nach Grönland zurück, um wie sein Vater der Brüdermission zu dienen. Seine Kenntnisse des Grönländischen übertrafen die seiner Kollegen bei weitem. 1851 erschien seine Grammatik der grönländischen Sprache. Einige Zeit später setzte sich in ganz Grönland die von ihm entwickelte grönländische Rechtschreibung durch, welche erst 1973 bei einer Rechtschreibreform ersetzt wurde. Sie ist allerdings immer noch auf den Landkarten 1:250.000 allgegenwärtig. Und so gibt es nicht nur einen nach ihm benannten Weg, sondern auch eine Schule, die seinen Namen trägt. Im Zentrum von Nuuk erinnert an ihn eine Gedenktafel und ein „Laternenpfahl“, an welchem er früh seine Laterne aufzuhängen pflegte, damit er am Abend auf dem Heimweg von Godthåb nach Neuherrnhut den Weg nicht verfehlte. Diese häufigen Besuche bei der „Konkurrenz“ waren unter anderem Anlass zu Spannungen zwischen Kleinschmidt und seinen Missionskollegen in der Brüdermission, die schließlich zum Bruch führten. Samuel Kleinschmidt blieb zwar bis an sein Lebensende Mitglied der Herrnhuter und fühlte sich diesen weiterhin verbunden, arbeitete jedoch von 1859 bis zu seinem Tod für die lutherische Staatskirche Dänemarks. So ist der bekannteste Herrnhuter Missionar in Grönland einer, der geradeso dem Ausschluss aus der Gemeinde entgangen ist.

Es gibt noch zwei weitere berühmte Mitglieder der Brüdergemeine in Grönland. Da ist der Grönländer Aron von Kangeq, einer der größten Künstler Grönlands, und der Missionar Carl Julius Spindler, der eine umfangreiche Sammlung an grönländischen Psalmen selbst gedichtet und herausgegeben hat.

Dies sind also die Spuren, die man anfassen kann oder in Büchern verewigt findet. Vielleicht könnte man noch als Spätauswirkung der Arbeit der Herrnhuter Brüdermission in Grönland bewerten, dass man nicht selten der deutschen Sprache mächtige Einheimische trifft. Das Ende unseres Aufenthalts in Grönland war nicht minder märchenhaft, als Volkers und mein Zusammentreffen: Als wir den ersten Abend in Nuuk zu unserem Zelt zurückkehrten, hatte ein Unwetter dieses beschädigt. Schlimmer war jedoch, dass sämtliche Kleidung einschließlich der Schlafsäcke vollständig durchnässt war. Ich hatte ja schon das Paddelpärchen aus Nuuk erwähnt. Dessen Telefonnummer wählten wir in unserer Verzweiflung. Sie nahmen uns mit einer sagenhaften Gastfreundschaft in ihrer Zweiraumwohnung auf. Uns und ca. 100 kg nasse Ausrüstung.

 

Heiko Götze beschäftigt sich seit 2003 intensiv mit Grönland und dessen Geschichte.
Mehrmals hat er das Land bereist, am liebsten auf dem Wasser.
Im Sommer 2007 war er gemeinsam mit Volker Mihan in zwei Kajaks unterwegs.

Titelbild: Volker Mihan

 

Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2026

 

Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2026