„ein wendisches gemeinlein“
Kleinwelka und die Sorben
ein Beitrag von Lubina Mahling

Das Werk unter den Wenden, wie die Lausitzer Sorben bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs überwiegend genannt wurden, ist nach Zinzendorf eines der ältesten der Brüdergemeine. Er selbst führte es auf die Arbeit seiner Großmutter Henriette Catharina von Gersdorf zurück, die sich um 1700 für den Druck sorbischer Bücher eingesetzt hatte und damit einen wichtigen Impuls zur Entwicklung des sorbischen Schrifttums gegeben hat.
Das sorbische Siedlungsgebiet erstreckte sich im 18. Jahrhundert in etwa zwischen den Städten Löbau und Kamenz im Süden und reichte in einem breiten Korridor über Bautzen, Hoyerswerda und Cottbus bis in den nördlichen Spreewald. Insgesamt wird die Zahl der Sorben im 18. Jahrhundert in der Ober- und Niederlausitz auf rund 200 000 geschätzt, über 90 Prozent von ihnen waren evangelisch.
Als sich Herrnhut zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu einem religiösen Zentrum in der Lausitz entwickelte, pilgerten auch zahlreiche neugierige und erweckte Sorben dorthin. Bald schon schlossen sie sich der Brüdergemeine an und gründeten in ihren Dörfern Sozietäten, die durch Herrnhuter Stundenhalter und Diasporaarbeiter betreut wurden. Zinzendorfs gleichaltriger Großcousin Friedrich Caspar von Gersdorf förderte diese Bewegung maßgeblich. Er ließ in Uhyst/Spree eine große Schulanstalt zugunsten der sorbischen Bevölkerung errichten und zahlreiche Erbauungsbücher in sorbischer Sprache drucken. Sein Gut Teichnitz unmittelbar vor den Toren der Stadt Bautzen entwickelte sich ab 1744 zum zentralen Versammlungsort der sorbischen Geschwister. Als Gersdorf im Sommer 1751 überraschend verstarb, lud Gersdorfs langjähriger bewährter Mitarbeiter Matthäus Lange/Matej Dołhi die erweckten Sorben auf sein nahegelegenes Gut Kleinwelka ein. Mitten im Siebenjährigen Krieg errichteten die sorbischen Geschwister dort 1757/58 einen großen Kirchsaal, diesem folgten bald erste Wohnhäuser, Werkstätten und Handwerksbetriebe sowie das Brüder- (1764) und Schwesternhaus (1770). Zeitgleich wuchs die sorbische Diaspora. Schon 1754 gab es auch in der Niederlausitz erste brüderische Versammlungen, vor allem in Werben, Burg und Vetschau. Zinzendorf selbst besuchte Kleinwelka wiederholt und gab den sorbischen Gläubigen folgenden Auftrag – in den Worten Spangenbergs – mit auf den Weg: „daß sie ja nicht aufhören möchten ein wendisches gemeinlein zu seyn, welches geschehen könne, wenn viele deutsche unter ihnen wohneten und sie sich nach denselben richteten, Sie sollten aus treue für ihre Nation wendisch bleiben, um ihrem Volke durch Gottes Gnade nützlich zu werden”.
Mit sicherem Gespür für die Situation sprach Zinzendorf hier ein Problem an, das die Ortsgemeine Kleinwelka in den folgenden Jahrzehnten beschäftigen sollte: der spezifisch sorbische Charakter des Ortes. Zunächst legte man von Seiten der Brüdergemeine großen Wert auf die sorbische Sprache in Gemeindeleben und Diasporaarbeit. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ließen diese Bemühungen allerdings nach, so dass sich die Verbindungen zwischen der Brüdergemeine und den Sorben allmählich lösten. Gleichwohl war Kleinwelka für viele Sorben auch im 19. Jahrhundert noch ein wichtiges geistliches Zentrum. Über siebzig Sorben begaben sich im Dienst der Brüdergemeine auf Mission, der bekannteste unter ihnen ist sicherlich Johann August Miertsching/Jan Awgust Měrćink, der an der Entdeckung der Nordwestpassage (1850 – 1854) beteiligt war. (Siehe Beitrag vom 4. Oktober 2024 – Anm. der Red.)
Eine besondere kulturgeschichtliche Bedeutung erlangte Kleinwelka in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Zentrum des sorbischen Schrifttums. Wurden doch hier regelmäßig Lieder, Predigten, Lebensläufe und Gemeinnachrichten ins Sorbische übersetzt. Die Übersetzungen wurden in Kleinwelka gebraucht, kursierten aber auch handschriftlich vervielfältigt oder gedruckt in der sorbischen Diaspora.
In der lese- und textaffinen Brüdergemeine wurde auf diese Weise für viele Sorben der Umgang mit sorbischer Schrift und sorbischen Texten zur alltäglichen Praxis. Damit trägt die Brüdergemeine großen Anteil an der sorbischsprachigen Alphabetisierung der Bevölkerung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele sorbische Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts in Verbindung mit Kleinwelka und der Brüdergemeine stehen, zudem gibt es sogar zwei sorbische Sprichwörter über Kleinwelka. Zu DDR-Zeiten war die Erweiterte Sorbische Oberschule mit ihrem Internat in Kleinwelka untergebracht. Viele Sorben erinnern sich gern an ihre Schulzeit dort, allerdings bestand wenig Kontakt zur Brüdergemeine.
Heute spielt das Sorbische im Gemeindeleben von Kleinwelka kaum noch eine Rolle. In den letzten Jahren begannen jedoch beide Seiten ihr gemeinsames Erbe neu zu entdecken.
Dr. Lubina Mahling ist wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Sorbischen Institut in Bautzen
und Mitglied im Zentralausschuss des Weltkirchenrats
Jüngst erschien im Sorbischen Institut in Bautzen das Buch: Marleen Schindler: Ins Herz gesungen. Herrnhutische Wundenmystik in deutschen und sorbischen Liedern der 1740er Jahre, Bautzen 2026.
Kostenfreier Download unter www.serbski-institut.de





