Familienarbeit
Ein Segen für alle, die daraus Kraft ziehen können
von Anne Schulze

Das Kindchen „überregionale Familienarbeit“ ist inzwischen im fünften Lebensjahr und aus dem Gröbsten raus. So könnte es reichlich klischeehaft kurzgefasst werden.
Während eines Beginns in covid-geprägter Zeit wurden ganz unterschiedliche Formate ausprobiert und durchgefühlt, was gewollt und gesucht wird. Manches scheint sich nun etabliert zu haben. Die Osterfreizeit in Herrnhut feiert 2027 ihr fünfjähriges. Passend im großen Jubiläumsjahr. Eine Rüstzeit über den Jahreswechsel und/oder eine im ausklingenden Winter, erlebt auch herzlichen Zuspruch.
Die Sommerrüstzeit für Familien und alle die noch dazugehören war einer der ersten Schritte dieses Kindchens. Wie es mit ihr weitergeht, muss sich zeigen. Die Gruppenhäuser haben ihre Preise deutlich anheben müssen. In Kombination mit knappen Familienkassen, ist die einwöchige Familienrüstzeit ohne großzügige Förderung womöglich nicht mehr haltbar. Das ist sehr bedauerlich. Rüstzeiten sind Stärkungszeiten, Orte an denen Seelsorge geschieht, wo man gelingendes aber auch schweres miteinander teilt, wo man Trost finden kann im gemeinsamen Gebet, wo Gesang auf besonderer Ebene Türen öffnet zwischen Himmel und Erde, wo Losung und Bibel Worte schenken, die weitertragen. Inzwischen finden an genau diesen Orten auch die Gespräche statt, die dann eine Taufe, Trauung oder Aufnahme in die Brüdergemeine zur Folge haben. Rüstzeit ist eine Zäsur im Alltag, die Freiraum schafft für kirchliches Leben.
Den Kinderschuhen entwachsen und als Teil des Zukunftsprozesses der Brüdergemeine zeigt sich, dass das Rüstzeitangebot der überregionalen Familienarbeit eines von mehreren Standbeinen ist. Die Familienbeauftragte der Brüdergemeine in Deutschland und der Schweiz, Pfarrerin Anne Schulze, begleitet und unterstützt Gemeinden auch bei deren eigener Familien- und Mehrgenerationenarbeit. Sie gibt Impulse zu Großevents, aber auch zu Konferenzen und ehrenamtlichen Formaten, damit diese auch für Familien attraktiver werden. Fragt die Jugendarbeit danach, wie junge Menschen Teil unserer Kirche sein können, so fragt die Familienarbeit: Was brauchen Erwachsene mit Kindern, damit sie sich in unserer kirchlichen Arbeit gewollt, beteiligt und getragen fühlen? Denn Kirche ist DOCH etwas für Familien!



In der sich aktuell umbildenden Struktur der Brüdergemeine in Deutschland versucht die Familienarbeit auf landesweit übergreifender Ebene die Gemeinden und Räume zu unterstützen, ihren Dienst an den Menschen wahrzunehmen. Die Menschen suchen in der kirchlichen und gemeindlichen Welt etwas, das sie in der säkularisierten Alltagswelt oft nicht finden. Echten Austausch. Einen christlichen Blick auf Alltagsthemen. Möglichkeit zu spiritueller Tiefe. Religiöses Erleben mit den eigenen Kindern. Zeit als Familie zusammen – im kirchlichen Kontext. Erleichterung durch eine Zäsur im regulären Pflichtenkanon.
Familienarbeit bedeutet für viele der Teilnehmenden oft erstmal ein Ankommen und Durchschnaufen. Das Programm ist wohlüberlegt und man kann sich einfach hindurchtragen lassen oder auch auf die gebotenen Möglichkeiten aufspringen und aktiv mitgestalten. Alle Angebote sind immer so gestaltet, dass jederzeit Freiraum besteht, sich zurückzuziehen und auch wieder einzusteigen. Die Bedürfnisse in Familien, nicht nur mit kleinen Kindern, sind grenzenlos vielfältig. Jeder Mensch ist ein individuelles Geschöpf und braucht andere Variablen um sich wohl zu fühlen.
Es ist eine herrliche Erfahrung bewusst auf Menschen zuzugehen und zu fragen: Was brauchst du, damit es dir gut geht? Die Resonanz in einem solchen Gespräch ist meist geprägt von Erstaunen und Dankbarkeit. Großartig, und heute gar nicht mehr so selbstverständlich, wenn man so nah mit Menschen sein kann und Lösungen für ein so wichtiges Themenfeld finden darf: seelisches, psychisches und körperliches Wohlbefinden.
Familienarbeit gab es in früheren Zeiten auch schon in der Brüdergemeine. In unserer heutigen Zeit sind Familien immens herausgefordert überhaupt das Nötigste zu schaffen, weil oft Kräfte, Unterstützung und Geld fehlen. Dazu leben „die Familien“ nicht mehr zu Hauf an einem Ort, sondern oft weit verstreut. Darum ist es wichtig Unterstützungsarbeit zu leisten, um eine Mehrgenerationenkirche zu bleiben. Die erste Frage ist nicht: Wofür brauchen wir euch junge Leute? Die erste Frage lautet: Was braucht ihr von der Gemeinschaft, damit ihr einen positiven Zugewinn für eure Familie habt? Wenn dieses Plus in Familien ankommt, dann kann ehrenamtliches Engagement folgen. Möglicherweise.
Familien sind nötig für ein zukünftiges Bestehen der Brüdergemeine. Aber Familien sind nicht die, die unsere Kirche retten werden. Das werden wir alle gemeinsam schaffen.
Die Formate in denen Familienarbeit erlebbar wird hinterlassen in der Regel mindestens einen der folgenden Begriffe als Nachklang: Auf-Tank-Stelle, Rettungsinsel, Begegnungsort, Musikfest, Trostgemeinschaft, Familiengemeinde.
Ein Segen für alle, die daraus Kraft ziehen können.

Anne Schulze ist Familienpfarrerin
der Evangelischen Brüder-Unität
