Abendmahl mit Kindern


von Anne Schulze

 

Als ich das erste Mal mit Anfang 20 in einem Herrnhuter Abendmahl saß, war vieles sehr fremd und ich nicht wirklich entspannt dabei. Beim zweiten Mahl war ich unendlich gerührt. So etwas Stärkendes hatte ich bis dahin noch nicht in einer Kirche erlebt. 

Ich steckte gerade mitten in meinem Theologiegrundstudium und hatte mich dazu entschieden, dass der Glauben Teil meines Lebens bleiben soll und ich im Gemeindedienst das mit anderen teilen möchte, was mich selbst zur Kirche geführt hatte. Ich merkte jedoch bei vielen Gelegenheiten, dass ich aus Deutschlands atheistischem Herzen komme und Kirche viele Traditionen hat, die mir fremd waren und es teilweise immer noch sind. Ich bin überzeugt: Kirche ist für die Leute da. So habe ich sie in meiner Jugend kennengelernt. Das ist das, was zählt. Strukturelle Distanzen und Formalitäten stören mich eher in meinem Teilsein einer Gemeinschaft Christi. Wirklich Gutes fügt sich hinzu, wenn Kirche in der Sprache der Menschen spricht. Hat schon Luther gesagt. Sprache ist vielfältig. Wir sprechen mit Worten, wir singen Liedtexte, unser Umgang mit anderen trägt eine Sprache, die Art, wie wir uns selbst geben, kleiden, bewegen, in Kontakt treten mit anderen oder abgrenzen, all das sind Sprachformen, mit denen wir uns mitteilen. Kirche darf und soll ihre eigene Sprache haben, aber wie in allen Begegnungen brauchen wir irgendeine Form der Überschneidung, damit wir miteinander kommunizieren können. Da darf Kirche noch mehr lernen, die Sprachformen der Menschen zu verstehen. Sprache kann man lernen. Und das am besten, wenn man dorthin geht, wo sie gesprochen wird. In die dichtbesiedelten Stadtviertel, auf das Festival mit 60.000 Gästen, in den Kleintierzüchterverein. Kirche habe ich als ganz menschennah kennengelernt.
       Und so saß ich da nun in diesem Abendmahl, dezent feuchte Augen tupfend, und wusste seitdem ganz sicher für mich: Mein Gott ist ein Gott, der sich neben mich setzt und wirklich da ist, weil ich ihn brauche. Auch mein Gott ist ein menschennaher Gott.

Für diesen Artikel wurde mir die Frage mit auf den Weg gegeben: Dürfen Kinder am Abendmahl teilnehmen? Und ich antworte darauf ganz stabil: Um Himmels Willen ja! Und ich meine damit nicht das Dabeisein, sondern eine Teilnahme im vollen Sinne.
       Wenn ich an Kinder im Abendmahl denke, sehe ich vor mir immer Kinder und Erwachsene. Sicher können wir auch das Thema Kinderabendmahl thematisieren. Auch darin steckt eine Kraft. Aus meiner Rolle als Familienbeauftragte sehe ich aber auch die ganz kleinen Kinder und deren Eltern. Ich selbst habe eine Erfahrung gemacht, wie sie viele andere Eltern auch kennen. Wenn ein Kind geboren wird, verändert sich die Teilhabe am Gemeindeleben immens. Klar heißt es meistens freundlich: „Ach, bring das Kind doch mit.“ In der Praxis aber zahnt jenes Kind in der Regel, übt das Werfen lauter Dinge, muss frisch gemacht werden oder alle haben eine frustrierende Nacht hinter sich. Wenn es dann um einen Abendmahlbesuch geht, wo klar ist, hier ist eine Konzentration und liturgische Ruhe wirklich wichtig, dann geht man eine ganze Weile entweder gar nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr gemeinsam zum Abendmahl. Selten erlebe ich dort Eltern mit Klein(st)kindern.
       Und das ist sehr schade. Ist das Abendmahl doch so ein stärkendes Erlebnis. Besonders in Zeiten, wo sich vieles ändert, kann das Abendmahl als Kraftort eine Konstante sein, auf die wir uns verlassen können. Jesus Christus verspricht uns, dass er bei uns ist und bleibt, dass wir ihn ansprechen können und er uns hört, dass die Kinder schon zu ihm gehören, nicht erst als Erwachsene. Das Abendmahl ist die besondere Zuspitzung von Jesu Präsenz in unserem Leben hier und heute. Wenn wir an seinem Blut und Leib teilhaben, ist er auch Teil von uns. Jedes Mal aufs Neue. Beim letzten Mahl mit seinen Jüngern hat er ihnen gesagt: Leute, was jetzt in nächster Zeit auch passiert: Ich bin bei euch! Alle Tage! Jesus hat uns diese Mahlfeier als Teil seines Nachlasses übergeben. Wir sind frei darin, uns einladen zu lassen. Wir sind frei darin, uns mit Jesus an einen Tisch zu setzen. Ein Tisch ist eine wunderbare Sache. Er lädt ein, sich auszusprechen, um Rat zu bitten, sich Schuld von der Seele zu reden, um Vergebung zu bitten. Lachen, Dankbarsein und Leichtigkeit finden genauso Platz an einem Tisch. Das darf auch im Abendmahl geschehen.

 

Ich habe inzwischen schon mehrere Abendmahlsfeiern mit Säugling und Kleinkind erlebt bzw. gestaltet. Wenn wir mit unseren Kindern gemeinsam feiern, erleben sie uns zum einen als Vorbild und können ihrer Natur gemäß nachahmen. Zum anderen können sie sich in diese liturgische Form einfühlen. Zahlreiche namhafte Theologen haben sich geäußert zum Glauben und einer Gottesbeziehung, die wir im Herzen fühlen. Ein Kollege von mir sprach einmal zu mir: „Ich liebe meinen Gott und ganz dicht danach meine Frau. Ich liebe meine Frau unglaublich doll, aber mein Gott steht für mich eben über allen Menschen.“ Dieses Verliebtsein in Gott und das Knüpfen einer so innigen Beziehung kommt nicht von irgendwo und nebenher. Ich sehe im Abendmahl eine große Chance in unserer stark säkularisierten Gesellschaft, einen Raum für solches Verlieben zu schaffen. Familien haben heute unheimlich viel um die Ohren und mühen sich nach Kräften um quality time miteinander, ohne Ablenkung, ohne Druck. Ein gemeinsamer Abendmahlsbesuch – herrlich. So war meine Erfahrung diesen Sommer. Nach zwölf Jahren Familienleben erlebte ich das erste Mal ein entspanntes Abendmahl mit meiner ganzen Familie zusammen. Im Vorfeld war abgesprochen, die Kinder dürfen alle dabei sein, vorher bekommen sie eine Abendmahlseinführung, jedes Kind bekommt Anteil am Leib und Blut Christi, genauso wie die Erwachsenen. Jeder wusste Bescheid. Alles war gut. Es war für uns als Familie, für uns als Eltern und auch für die Kinder richtig schön!
       In der Realität, wie ich sie erlebe, sieht das oft anders aus. Eltern sind unsicher, die Kinder wissen überhaupt nicht, worum es eigentlich gerade geht. Sie sehen nur, sie sind außen vor. Wie die Akoluthen mit dem Beisein von Kindern umgehen, weiß man oft erst hinterher. Manche segnen das Kind, manche schauen es freundlich an, andere ignorieren es. Meistens sind alle irgendwie angespannt und raus geht man nicht selten frustriert und angestrengt. Musste man schon wieder zwanzig Minuten dem Kind möglichst leise erklären, warum alle einen Keks bekommen, nur es nicht. Warum alle Saft trinken dürfen: „Ich will aber auch“ mit Tränen in der Stimme des Kindes und Schweißperlen auf der Stirn der Eltern. Manche Gemeinde löst dieses Problem mit Plätzchen und Weintrauben. Klar ist das nett und die Kinder haben zu tun. Ich sehe darin aber das Problem der Abendmahlsrelativierung. Plätzchen liebt und genießt fast jedes Kind, Weintrauben finden sich in 95% aller Brotdosen. Hat das Abendmahl da noch eine Relevanz, die aus dem Alltag ausbricht? Was geben wir unseren Kindern mit? „Abendmahl ist nix für Kinder. Du verpasst nichts, Schatz, das ist eh nur langweilig.“ Na, dann können wir bald das Licht ausmachen. In einer Gesellschaft, die so pluriform ist, so multireligiös und kulturell reich, in der prozentual so wenige Christen tatsächlich aktiv ihr Christsein gestalten, da sollten wir uns zeigen und Räume öffnen, in denen die Menschen wieder von Vorbildern lernen können. Hätte mir nie jemand gezeigt, wie man bodenständig und entspannt trotzdem von Gott reden kann, würde ich das heute nicht tun. Die beiden vorgehenden Generationen in meiner Familie und das soziale Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, haben das nicht gekonnt. Wir sollten mutig zeigen, was wir gut können und damit den Bildungsauftrag, den auch wir als Kirche haben, in die Hand nehmen.

 

Sollten Kinder am Abendmahl teilnehmen? Ganz klar: Ja. Bringt das mehr Dynamik in eine Abendmahlsfeier? Ja sicher. Lässt sich das so gestalten, dass es für alle passt? Klaro. Das Himmelreich ist für alle offen und unser Auftrag als Christen ist es, von Jesus Christus und unserem großherzigen Gott zu künden. Was unser Glaube unserem Leben zufügen kann an Stärke, an Durchhaltevermögen, an Sanftheit und Liebe, das zeigen wir am besten durch Offenheit und Vorbild.

 

 

Anne Schulze ist Familienpfarrerin in der Evangelischen Brüder-Unität
Foto: Evangelische Brüder-Unität/Christian Flöter

 

Artikel veröffentlicht am 25. September 2026

 

Artikel veröffentlicht am 25. September 2026