gemeinsam glauben leben
Ausstellung mit Welterbe-Infopunkt eröffnet
Eindrücke von der Eröffnungsfeier in Herrnhut

Nach langer Vorbereitung wurde am 29. Juni 2026 die neue Ausstellung der Brüder-Unität eröffnet. Auch die langwierigen Renovierungsarbeiten am Herrnhuter Kirchensaal haben nun die Zielgerade erreicht. Und nicht zuletzt wurde nun endlich auch die offizielle Urkunde der UNESCO überreicht, die Herrnhut als Welterbeort auszeichnet. Diese drei freudigen Anlässe lockten auch einige Ehrengäste in die Stadt, unter ihnen der Leiter der Arbeitseinheit UNESCO im Auswärtigen Amt, Harald Herrmann, sowie der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer.
Die Redebeiträge und Grußworte bei der Feier gaben einen guten Einblick über die zurückgelegten Wege und die erreichten Ziele – Welterbeurkunde, restaurierter Schwesternseitenflügel, Ausstellung zur Evangelischen Brüder-Unität. Drei von ihnen werden nachfolgend auszugsweise dokumentiert.
Wege in die Weitstirnigkeit
Diese Überschrift begegnete mir kürzlich präsent auf der Website der Deutschen UNESCO-Kommission, die in diesem Jahr Ihren 75. Geburtstag feiert. Das ist gut, weitstirnig als das Gegenteil von engstirnig. Konkret geht es auf der Seite dann um ein Programm für junge Menschen, das ihnen ermöglichen soll, hinaus in die Welt zu gehen.
Als Welterbestätte funktionieren wir ein bisschen andersherum. Treffend beschreibt das der Titel eines vor einigen Jahren erschienen Buches mit Reiseberichten. Es heißt „Die Welt zu Gast in Herrnhut.“ Heute und hier ist vielleicht nicht die ganze Welt zu Gast, aber durch die vielfältigen Beziehungen zu Brüdergemeinen in aller Welt, besonders natürlich zu den Welterbepartnern in Dänemark, Nordirland und den USA, sind wir trotzdem so etwas wie ein „Fenster zur Welt.“ Und auch beim Blick aus dem Fenster kann sich bekanntlich der Horizont schon weiten.
Wir freuen uns sehr, dass wir heute die neue Aussstellung zusammen mit dem Welterbeinformationspunkt eröffnen können: Einen Ort für die Herrnhuter Gästearbeit. Wo Besucherinnen und Besucher aus aller Welt, aus nah und fern ein herzliches Willkommen erfahren und hoffentlich im besten Wortsinn weitstirnig werden, weil sie hier die Herrnhuter Geschichte und Gegenwart erleben können und hoffentlich auch möglichst viel vom Welterbe-Gedanken mitnehmen. Es geht in den Herrnhuter Siedlungen nicht nur um Gebäude, es geht um Schutz und Erhalt, es geht um Vermittlung und in letzter Konsequenz geht es um Frieden und Verständigung. Es geht um das Gegenteil von Engstirnigkeit.
In anderthalb Jahren Bauzeit ist unser Welterbeinformationspunkt mit einer ansprechenden, multifunktionellen und barrierefreien Ausstattung entstanden. Es ist noch nicht alles fertig, hier und da fehlen noch Details. Zwischenzeitlich mussten wir uns mit veränderten statischen Anforderungen und mit steigenden Kosten auseinandersetzen. Aber zum Glück hatten wir viele weitstirninge Partner an unserer Seite:
• Der Bund und der Freistaat Sachsen als größte Fördermittelgeber haben das getan, was sich die UNESCO für alle Erbestätten wünscht: sie haben uns großzügig finanziell dabei unterstützt, die Verantwortung für ein universelles Erbe zu übernehmen. Insgesamt 1,1 Millionen Euro Fördermittel durften wir auf unserer Schwesternseite verbauen.
• Die Freunde und Förderer des Herrnhuter Kirchensaals haben das Vorhaben begleitet und sich öffentlichkeitswirksame Aktionen wie den Spendenaufzug oder die Sterneverlosung ausgedacht.
• Private Spenderinnen und Spender und Stiftungen haben sich von diesen Aktionen motivieren lassen und für den Eigenmittelanteil gespendet, viele sogar mehrmals.
• Und nicht zuletzt hat die ganze Gemeinde und viele Freundinnen und Freunde bei Arbeitseinsätzen und Räumaktionen angepackt und viel Geduld mit Sperrungen und Baudreck bewiesen; die Bauarbeiten am Gesamtgebäude gehen bald ins siebente Jahr!
• Deshalb freut sich auch die Baubegleitgruppe auf das baldige Ende der Bauarbeiten. Gemeinsam mit dem Architekten und seinen Mitarbeiterinnen und im Auftrag des Ältestenrates hat sie – wie ihr Name schon sagt – das Vorhaben begleitet, über Kostenberechnungen und Leistungsverzeichnissen gebrütet, über Details entschieden und mit steigenden Baupreisen gerungen.
• Und ohne fleißige HandwerkerInnen – allesamt aus der Region –, die bei Wind und Wetter riesige Massen an Holz und Steinen „aufs Baugerüst getragen haben“, könnte das Ganze heute hier natürlich auch nicht stattfinden.
Für all diese tatkräftige, großherzige und auch weitstirnige Unterstützung sage ich im Namen der Evangelischen Brüdergemeine und allen, die sich mit uns freuen: DANKE.
Andrea Kretschmar ist Vorsteherin der Evangelischen Brüdergemeine Herrnhut
Eröffnung der neuen Ausstellung
Mit einer Handvoll Moderationskarten hat es vor anderthalb Jahren begonnen. Kärtchen mit Themen und Begriffen, die für uns die Brüder-Unität ausmachen und die wir deswegen in der Ausstellung darstellen wollten.
Der Titel der Ausstellung, gemeinsam glauben leben – Ausstellung der evangelischen Brüder-Unität, erzählt von Geschichte und Gegenwart der Brüder-Unität. Die Ausstellung ist zugleich Teil des Welterbe-Infopunktes und so nimmt der Titel auch unmittelbaren Bezug zur Welterbestätte „Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine“. Denn die Architektur Herrnhuts als das materielle Kulturerbe ist Ausdruck des immateriellen Hintergrundes: die Gemeinschaft, die über große Entfernungen hinweg trägt, die Glaubensüberzeugungen und die lebendigen Gemeinden.
An dieser Stelle möchte ich den Titel nun aus persönlicher Perspektive betrachten:
• Gemeinsam haben wir uns als Team aus sechs Personen verschiedener Fachrichtungen im Mai 2024 auf den Weg gemacht. Die Konzeption weiterentwickelt und umgesetzt haben wir mit Tina Zürner und Lucas Gebhardt-Seele vom Gestaltungsbüro ungestalt aus Leipzig. Die beiden haben sich nicht nur schnell und professionell in die Thematik eingearbeitet, sie haben auch die richtigen Fragen gestellt und uns damit ermöglicht, die Perspektive zu wechseln und mit dem Blick von außen auf unsere Kirche zu schauen. Jede Überlegung, jeder Plan wurde aus den unterschiedlichen Fachrichtungen betrachtet und gemeinsam weiterentwickelt. So wurde jeder Schritt vielschichtig be- und durchdacht.
• In der Ausstellung geht es nicht nur um Jahreszahlen und Geschehnisse. Es geht auch um den Glauben. Den Glauben der Geschwister, die vor uns da waren und die Kirche geprägt haben. Und es geht darum, wo und wie wir heute unterwegs sind. Diese Überlegungen stellt man nicht an, ohne auch bei seinem eigenen ganz persönlichen Glauben anzukommen. Dass wir das im Arbeitskreis miteinander teilen konnten, zeigt, wie gut das Miteinander ist.
• Nun sind die Ideen von damals umgesetzt und die Ausstellung wird endlich eröffnet. Wir, die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der Gästearbeit der Brüder-Unität, sind es nun, die sie mit Leben füllen werden. Darauf freuen wir uns! Wir freuen uns auf die Besucher der Ausstellung, ob aus der Nachbarschaft oder von weit her. Auch sie werden mit den Geschichten, die sie mitbringen, die Ausstellung mit Leben füllen.
Christiane Vollprecht leitet die Gästearbeit der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut
Einblicke in die Inhalte der Aussstellung
Mir fällt die Aufgabe zu, etwas über den Inhalt der Ausstellung zu sagen. Denn ich habe einen großen Teil der Texte verfasst. Ich habe das übrigens auch schon bei der Vorgängerausstellung getan, die vor ziemlich genau 18 Jahren in die-sem Gebäude eröffnet worden ist. – Was hat sich also verändert?
Zunächst einmal: Die neue Ausstellung ist kleiner und kompakter als die vorherige, die vor ziemlich genau 18 Jahren eröffnet worden ist. Am Anfang habe ich etwas damit gehadert und mich gefragt: Kann man unsere Kirche mit ihrer 300-jährigen Geschichte und ihrer internationalen Verbreitung auf so wenig Raum darstellen?
Heute sage ich: Man kann. Es zwingt uns, darüber nachzudenken, was wesentlich ist. Und das dann ganz knapp in Wort und Bild darzustellen. Dabei hat uns die Firma ungestalt geholfen. Nun können auch Besucher, die wenig Zeit für die Ausstellung haben, etwas Substantielles mitbekommen.
Doch noch mehr hat sich geändert. Denn auch die Fragen der Menschen ändern sich mit jeder neuen Generation. Darauf gehen wir ein, weil wir überzeugt sind, dass unsere Art zu glauben für jede Generation aktuell ist. Dabei nehmen wir einige neue Themen auf:
• Zunächst geht es mehr als bisher um die einfachen Einwanderinnen und Einwanderer aus Mähren. Wir zeigen, warum diese Menschen ihre Heimat verließen und in die Oberlausitz zogen. Niemand verlässt die eigene Heimat leichtfertig. Das war vor 300 Jahren genauso wie jetzt, auch wenn manche Politiker heute das Gegenteil behaupten. Die Einwanderer aus Mähren haben viel zurückgelassen, um hier ihren Glauben frei leben zu können.
• Ein zweiter neuer Schwerpunkt sind Lebensbilder aus verschiedenen Zeiten und Regionen der Erde. Die Lebensbilder einiger historischer Persönlichkeiten liegen in Archivboxen bereit. Und in einer Hörstation erzählen noch lebende Frauen und Männer aus ihrem Leben.
• Überhaupt konnten wir mit Hilfe des Gestaltungsbüros neue Medien einsetzen. In einer weiteren Hörstation bringen wir Herrnhuter Musik aus aller Welt und in einer Slideshow wechselnde Bilder mit Kirchengebäuden aus zahlreichen Ländern. An einem Bildschirm können sich unsere Gäste selbstständig weiter informieren, etwa über die Siedlungen der Herrnhuter UNESCO-Welterbestätte und über die Losungen – und ganz profan auch darüber, wo es in Herrnhut etwas zu essen gibt.
• Ein weiterer neuer Schwerpunkt hat den Titel „Licht und Schatten“. Denn wo Menschen handeln, gibt es nicht nur Licht, sondern auch Schatten. Die dunkeln Seiten der Herrnhuter Geschichte betreffen einerseits die Karibik, wo Missionare zu lange am System der Sklaverei festhielten. Andererseits haben sich im 20. Jahrhundert erschreckend viele Herrnhuter und Herrnhuterinnen für die nationalsozialistische Bewegung begeistert.
Zu beiden Zeitabschnitten bringen wir auch Texte, die die Brüdergemeine später verfasste. Denn das ist die Art, auf die eine christliche Kirche mit Fehlern aus der Vergangenheit umgeht: durch das Bekennen der eigenen Schuld und durch die Bitte um Vergebung.
Erst ganz zum Schluss haben wir uns auf den Titel der Ausstellung geeinigt: „gemeinsam glauben leben“. Als wir diese Formulierung gefunden hatten, waren wir uns schnell einig: Das ist es! Dieses Thema lag vom allerersten Brainstorming an in der Luft. „gemeinsam glauben leben“ – das meint unser Leben als Gemeinschaft, unser Beten und Singen im Gottesdienst und auch unseren Einsatz in der Gesellschaft, von der Diakonie über die Erhaltung von Gottes Schöpfung bis zum Dienst an geflüchteten Menschen.
Wir haben an den Texten geschliffen, sie immer wieder verbessert. Doch eine Sache haben wir erst sehr spät bemerkt. Voller Stolz schrieben wir, dass es die Brüdergemeine heute in „mehr als 40 Ländern“ gibt. Als die Weltkarte fertig war, zählten wir noch einmal durch und stellten fest: Das stimmt nicht mehr. Es sind sogar mehr als 50 Länder! Das hat uns überrascht, und das haben wir korrigiert. Denn die Brüder-Unität breitet sich weiter aus.
Martin Theile ist Pfarrer im Ruhestand










