Wesley und Zinzendorf
Aus John Wesleys Gespräch mit Zinzendorf

John Wesley (1703–1791), der Begründer der Methodistenkirche, traf mehrfach mit Herrnhutern zusammen. Ab 1735 wurde er von diesen maßgebend beeinflusst; doch 1740 trennten sich lhre Wege aus theologischen Gründen. Am 3. Septentber 1741 trafen sich Zinzendorf und Wesley noch einmal zu einem Gespräch in London. Wesley zeichnete seinen Verlauf auf, und Zinzendorf autorisierte diese Niederschrift durch die Aufnahme in die „Büdingische Sammlung“.
Mit der Evangelisch-methodistischen Kirche verbindet uns eine lange Geschichte und eine lebendige Kirchenfreundschaft.
Die Ausgabe 320 des Herrnhuter Boten gibt viele Einblicke in diese uns so nahestehende Freikirche.
Das Gespräch gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden großen evangelischen Persönlichkeiten wieder. Für Wesley war die „Heilung“ als Wachstum im Glauben wichtig, während Zinzendorf jedes Stufendenken ablehnte, nach dem Christen im Laufe ihres Lebens immer heiliger werden könnten oder müssten. Der Graf vertrat als lutherischer Pietist die Auffassung, dass Christen auch dann nur als sündige Menschen vor Gott treten können, wenn sie durch Gottes Handeln tatsächlich gerecht, gut und heilig geworden sind.
Wesley
Wir streiten – glaube ich – um Worte. Ist nicht jeder, der wirklich glaubt, ein Heiliger?
Zinzendorf
Aber ein Heiliger in Christo, nicht in sich.
W.
Aber lebt er nicht heilig?
Z.
Gewiss, er lebt heilig in allen.
W.
Und hat er nicht ein heiliges Herz?
Z.
Ganz gewiss.
W.
Folglich ist er doch heilig in sich?
Z.
Nein, nein. Allein in Christo, nicht heilig in sich. Er hat durchaus keine Heiligkeit in sich.
W.
Trägt er nicht in seinem Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten, ja sogar das ganze Ebenbild Gottes?
Z.
Ja. Aber das ist die gesetzliche Heiligkeit, nicht die evangelische. Die evangelische Heiligkeit ist der Glaube.
W.
Wir streiten ganz und gar um Worte. Du gibst zu, dass das ganze Herz des Glaubenden und sein ganzes Leben heilig ist: er liebt Gott von ganzem Herzen und dient ihm mit allen Kräften. Mehr verlange ich auch nicht. Nichts anderes verstehe ich unter „christlicher Vollkommenheit oder Heiligkeit“.
Z.
Aber das ist nicht seine eigene Heiligkeit. Er ist nicht heiliger, wenn er mehr liebt, und nicht weniger heilig wenn er weniger liebt.
W.
Was? Nimmt denn der Glaubende, der in der Liebe wächst, nicht gleichfalls auch in der Heiligkeit zu?
Z.
Niemals. Vielmehr in dem Augenblick, in dem er gerechtfertigt ist, wird er auch völlig bis ins Innerste geheiligt. Folglich ist er bis zu seinem Tode weder mehr noch weniger heilig.
W.
Ich meinte, wir sollten in der Gnade wachsen!
Z.
Sicherlich. Aber nicht in der Heiligkeit. Sobald nämlich jemand gerechtfertigt ist, wohnen Vater, Sohn und Heiliger Geist in seinem Herzen. Und sein Herz ist in diesem Moment so ganz rein, wie es jemals sein wird. Ein Kind in Christo ist genauso rein im Herzen wie ein Vater in Christo. Da gibt es keinen Unterschied.
W.
Waren die Apostel nicht vor Christi Tod gerechtfertigt?
Z.
Sie waren es.
W.
Waren sie nicht heiliger nach Pfingsten als vor Christi Tod?
Z.
Keineswegs.
W.
Wurden sie nicht an jenem Tage voll des Heiligen Geistes?
Z.
Ja. Aber dieses Geschenk des Geistes bezog sich nicht auf ihre eigene Heiligkeit. Es war ganz eine Gabe der Wunder.
W.
Vielleicht verstehe ich dich nicht. Wenn wir uns selbst verleugnen, sterben wir dann nicht mehr und mehr der Welt und leben Gott?
Z.
Wir weisen alle Selbstverleugnung zurück, wir treten sie mit Füßen. Als Glaubende tun wir alles, was wir wollen, und nichts darüber hinaus. Wir verlachen alle Abtötung. Der vollkommenen Liebe geht keine Reinigung voraus.
W.
Was du gesagt hast, will ich mit Gottes Hilfe genau erwägen.
© „Von Herrnhut in die Welt“, Ausstellung im Kirchensaal am Zinzendorfplatz, 02747 Herrnhut
willkommen@herrnhuter.de
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Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2026
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