Was ist Frieden?
Spurensuche und friedensethische Standortbestimmung
von Andreas Herrmann
Rund 20 Delegierte und Gäste der Evangelischen Brüder-Unität versammelten sich vom 22. bis 25. Oktober im norddeutschen Seevetal bei Hamburg zur Tagung des Konziliaren Prozesses. Unter dem Leitmotiv „Was ist Frieden?“ begab sich die Konferenz auf eine vielschichtige Spurensuche, die theologische Grundlagen, historische Erfahrungen der Brüdergemeine, aktuelle friedensethische Debatten und ganz konkretes Handeln in den Ortsgemeinden verknüpfte.
Grundlagen und geschichtlicher Vergewisserungsraum
Ein eröffnender Impuls rief in Erinnerung, dass Frieden mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg ist. Unter Rückgriff auf das Gewalt-Dreieck von Johan Galtung wurde verdeutlicht, wie direkte Gewalt aus ungerechten Strukturen erwächst und durch kulturelle Feindbilder legitimiert wird. Positiven Frieden gibt es nur dort, wo Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerechtigkeit und zivile Konfliktbearbeitung verankert sind. Dieser Ansatz entfaltet sich in fünf Beziehungsdimensionen: dem Frieden mit sich selbst, dem Nächsten, in der Gesellschaft, zwischen den Staaten und mit der Schöpfung.
Theologisch entspricht dem der hebräische Begriff Schalom, der ein ganzheitliches Heilsein beschreibt. Das prophetische Wort aus Micha 4,3 von den Schwertern zu Pflugscharen veranschaulicht die Wandlung von Zerstörungsenergie in lebensfördernde Kraft. In der Bergpredigt preist Jesus die aktiven Friedensstifter und fordert mit der Feindesliebe zur Durchbrechung von Gewaltspiralen auf.
Begleitend dazu wurde die geschichtliche Friedensspur der Brüder-Unität vergewissert: von Petr Chelčický im 15. Jahrhundert über die Synode von Brandýs 1490, Jan Amos Comenius und Graf von Zinzendorf bis hin zur Verweigerung des Waffendienstes in den frühen Herrnhuter Siedlungen in Georgia (USA) und dem Widerstand junger Bausoldaten in der DDR unter dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“.
EKD-Denkschrift und der Beitrag von Prof. Dr. Jörg Hübner
Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete die Präsentation der neuen EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Frieden im Blick“ durch Prof. Dr. Jörg Hübner. Hübner, Rheinländer, ehemaliger Leiter der Evangelischen Akademie Bad Boll, leitete das friedensethische Redaktionsteam maßgeblich mit. Er gab Einblicke in den Entstehungsprozess über 43 Überarbeitungsfassungen hinweg in intensivem Dialog mit der Friedenswerkstatt der EKD, bevor der Rat der EKD das Papier zur Denkschrift erhob.
Hübner führte aus, dass das Dokument als ethische Orientierung auf die Erschütterungen durch den Ukraine-Krieg reagiert. Die Denkschrift entfaltet vier zentrale Dimensionen eines gerechten Friedens: den Schutz vor Gewalt, die Förderung der Freiheit, den Abbau von Ungleichheiten sowie den friedensfördernden Umgang mit Pluralität.
Dabei beschrieb Hübner die evangelische Friedensethik als Ellipse zwischen gesellschaftlicher Gegenwart und dem kommenden Reich Gottes. Zentral ist das Prinzip, dass die Sicherheitslogik stets der Friedenslogik untergeordnet bleibt. Statt einer bloßen Kriegstüchtigkeit fordert die Denkschrift eine gesellschaftliche Friedenstüchtigkeit, die einen erweiterten Sicherheitsbegriff, gesellschaftliche Resilienz, digitale Friedensbildung sowie Klimagerechtigkeit einschließt.
Mennonitischer Gegenimpuls und friedensethische Kategorien
Dem Ansatz der EKD-Denkschrift wurde die Position der historischen Friedenskirchen gegenübergestellt, vertreten durch einen Offenen Brief der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, den Dr. Anthea Bethge - selbst Friedensfachkraft - für das Mennonitische Friedenskomitee mitverfasst hat. Dieser warnte vor einer Re-Militarisierung kirchlicher Ethik und kritisierte, dass die Begründung militärischer Verteidigung dem radikalen Gewaltverzicht Jesu widerspreche.
Zur systematischen Strukturierung dieser Debatte wurden fünf friedensethische Kategorien reflektiert: der normale Krieg (politisches Machtinstrument), der heilige Krieg (religiös legitimiert), der gerechte Krieg (bellum iustum mit moralischen Kriterien), der gerechte Frieden (zivile Konfliktbearbeitung, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte) sowie die konsequente Gewaltfreiheit (radikale Ablehnung militärischer Gewalt und schutzorientierte Konflikttransformation).
Internationaler Friedensdiskurs: Der Beitrag von Jan Jaap van Oosterzee
Ergänzt wurde dieser theologisch-ethische Diskurs durch den internationalen Blickwinkel von Jan Jaap van Oosterzee von der niederländischen Friedensorganisation PAX. Unter dem Motto „Nichts zu tun ist keine Option“ verglich er die Verwicklungen internationaler Krisenherde von Gaza bis zur Ukraine mit einem verhedderten Wollknäuel, das sich durch voreiliges oder gewaltsames Ziehen nur noch fester verknüpft. Veränderung verlangt beharrliches, achtsames Handeln an einzelnen Fäden. Eindrucksvolle Beispiele von Zivilcourage aus Krisengebieten machten deutlich, dass Hoffnung und ziviles Engagement auch im Angesicht schwerster Unterdrückung möglich und unverzichtbar bleiben.
Lebendige Friedenspraxis in den Kirchengemeinden
Dass Friedensarbeit keine abstrakte Theorie bleibt, bewiesen schließlich die vielfältigen Praxisberichte aus den unterschiedlichen Ortsgemeinden. In Dresden bietet die Gemeinde neutrale Orientierungs- und Beratungsabende zur Kriegsdienstverweigerung für Jugendliche an. In Kleinwelka und Bautzen beteiligen sich Geschwister an Initiativen wie „happy Monday“, um gesellschaftlichen Demonstrationen friedliche und verbindende Impulse entgegenzusetzen. Die Gemeinde Neugnadenfeld verbindet die Bewahrung der Schöpfung durch ökologische Blühwiesenprojekte mit konkreter Flüchtlingshilfe in einem lokalen Asylkreis, während in Berlin der interreligiöse Dialog und die soziale Kooperation mit muslimischen Nachbarn im Vordergrund stehen. Auch aus der niederländischen Gemeinde Zeist wurden zukunftsorientierte Projekte zur Bereitstellung von Ferienwohnungen für Geflüchtete sowie Maßnahmen zur energetischen Gebäudesanierung vorgestellt. In Herrnhut schließlich verbinden sich Umweltengagement, Kirchenasyl und zivilgesellschaftlicher Friedenseinsatz zu einem lebendigen Zeugnis gelebter Hoffnung.
Aktuelle Synodenbeschlüsse und Ausblick
Bischof Frieder Waas informierte über die friedensrelevanten Beschlüsse der jüngsten Synode. Er gab Einblicke in aktuelle Schritte der Brüder-Unität, darunter die angestrebte Mitgliedschaft einer Arbeitsgruppe bei Church and Peace sowie die Unterzeichnung des ICAN-Appells für ein weltweites Verbot von Atomwaffen. Zusammen mit weiteren Beschlüssen - wie dem Beitritt zu United4Rescue und dem Ziel der Klimaneutralität bis 2045 - wurde greifbar, wie die Brüder-Unität ihre friedensethische Verantwortung konkret wahrnimmt.
Die Tagung verdeutlichte, dass Frieden ein fortwährender Lern- und Handlungsprozess bleibt. Die nächste Tagung findet vom 21. bis 24. Oktober in Herrnhut statt, wie Pfarrer Christian Flöter (Kleinwelka), Beauftragter für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, mitteilte. Sie befasst sich mit der Frage, wie wir mit den Folgen der Klimakrise umgehen.
Andreas Herrmann ist ausgebildete Friedensfachkraft.
Er ist Pressesprecher der Evangelischen Brüder-Unität.
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2026
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2026








