Studienreise von Unitas Fratrum
Auf den Spuren der Herrnhuter in der Schweiz
Seit beinahe 50 Jahren beschäftigt sich der Verein Unitas Fratrum bereits mit „Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine“ – so beschreibt es der vollständige Vereinsname. Neben Jahrestagungen und der wissenschaftlichen Zeitschrift „Unitas Fratrum“ gelingt das auch mit Studienreisen an Orte, die für die Geschichte und Gegenwart der Herrnhuter Brüdergemeine relevant sind. Zuletzt führte der Weg in die Schweiz, wo die Brüdergemeine bereits seit dem 18. Jahrhundert in verschiedenen Sozietäten und Arbeitsfeldern aktiv ist.
Ein Reisebericht von Roland Künzel
Nach dem Start in Königsfeld vervollständigte sich die Reisegruppe mit gut 30 Teilnehmern in Basel, wo der Bus pünktlich zum Mittagsgebet im Münster eintraf, das von Bruder Volker Schulz gehalten wurde. Er begrüßte die Gäste herzlich und lud zu einer kurzen Stadtführung ein, die u.a. am Standort des ersten Hauses der Basler Sozietät – heute C&A – vorbeiführte. Nach dem Mittagessen stand dann der Besuch in der heutigen Sozietät in der Leimenstraße an, wo Pfarrer Johannes Klemm mit einem Online-Quiz Gelegenheit bot, die Schweizkenntnisse der Teilnehmer zu überprüfen bzw. aufzufrischen. Es folgten Informationen zu den Besuchen Zinzendorfs in Basel und zur Geschichte der dortigen Brüdergemeine, die anfangs mit Konflikten mit der etablierten Reformierten Kirche verbunden war. Die Basler Sozietät spielte auch eine wichtige – vor allem finanzielle – Rolle bei der Gründung Königsfelds. Heute umfasst sie über 70 Mitglieder sowie einen großen Freundeskreis. Ihr ökumenischer Charakter zeigt sich u.a. darin, dass auch eine schwedische und eine evangelisch-freikirchliche Gemeinde Gäste im Sozietätshaus sind. Als Problem wurde die Schwierigkeit der Nachwuchsgewinnung genannt. Bruder Zellweger berichtete anschließend über die Missionstätigkeit in Tansania.
Im Übernachtungsquartier, dem Gästehaus der Mennoniten in Liestal bei Basel, gab Br. Schulz noch einen allgemeinen Überblick über die brüderischen Sozietäten der Schweiz.
Zwischenstation auf dem Weg nach Bern war Oberdiessbach, wo die Reisegruppe herzlich vom Schlossherrn Sigmund von Wattenwyl mit hauseigenem Wein und Gebäck empfangen wurde – fast 300 Jahre nach dem Besuch Zinzendorfs bei dessen Vorfahren. Diese Wattenwyl-Linie ist der Landwirtschaft verbunden, pflegt aber auch sorgfältig ihr historisches Erbe. Schloss und Park sind Orte vielfältiger kultureller Nutzungen.
Im Haus der Religionen in Bern wurden die Teilnehmer wieder von Br. Johannes Klemm begrüßt und über die Geschichte und Bedeutung dieses u.a. von Geschw. Haas initiierten Projekts informiert. Der von der Brüdergemeine genutzte Saal weist neben den üblichen Attributen eine Besonderheit auf: Die Stirnseite schmücken bunte Motive und Ikonen als Zeichen dafür, dass auch äthiopisch-orthodoxe Geschwister als Nutzer mit dabei sind. Pia Moser berichtete von der Geschichte der Berner Sozietät und der Bedeutung von Stiftungen für die Finanzierung der Arbeit.
Das Quartier für die weiteren Tage war dann Montmirail – das zweite Wattenwyl/Watteville-Schloss. Martin Eugster von „Don Camillo“ empfing die Gruppe und gab erste Informationen zum Leben der Communität.



Der Tag in Montmirail – wie sollte es anders sein – begann mit einer Morgenandacht und gregorianischem Gesang. Der Vormittag stand dann ganz im Zeichen der Berichte über die Geschichte und Gegenwart Montmirails. Es seien hier nur die Stichworte Zinzendorf, Watteville und Töchterinstitut genannt. Von Letzterem berichtete anschließend sehr anschaulich Marian Gregan, die, aus Zeist stammend, bis zur Schließung der Schule und des Internats dort als Lehrerin und Erzieherin tätig gewesen ist. Die Communität Don Camillo hat inzwischen noch weitere Wirkungsstätten in Bern und Berlin („Segenskloster“ Prenzlauer Berg).
Der Nachmittagsausflug führte bei schönem Wetter nach Erlach am Bieler See. Eine Singstunde mit Texten von Volker Schulz und musikalischer Begleitung durch Maria-Barbara Salewski (Querflöte) und Christoph Beck (Klavier) bildete den offiziellen Abschluss des Tages.
Den Abschluss der Unitas-Fratrum-Fahrt bildete der Abstecher nach Genf – sozusagen eine Zeitreise von Zinzendorf ausgehend zurück in die historische Vielfalt der Reformation: Stichwort z.B. Calvin. Dieser wäre wahrscheinlich wenig erfreut über das monumentale Reformationsdenkmal, das in Wort und Bild (Skulptur) den wichtigsten Reformatoren, angefangen von Hus, Valdes und Wiclef – huldigt.
Dieter und Heidi Gembicki hatten für die Kürze der Zeit eine sehr detaillierte Stadtführung vorbereitet, zu der auch die berühmte Fontäne und die Völkerbundsgebäude gehörten. Die Vielfalt Genfs zeigte sich auch beim Besuch der noch relativ jungen Brüdergemeine, die Mitnutzerin eines Kirchengebäudes ist und eine überwiegend karibische Prägung aufweist. Die Predigt in englischer Sprache hielt Schw. Winelle Kirton-Roberts. Das erstmals dort gefeierte Liebesmahl hatte durchaus karibischen Charakter, denn es wurde anschließend durch ein hervorragendes Buffet ergänzt.
Vor der Abfahrt wurde der gastgebenden Gemeinde und Geschw. Gembicki vielmals für die gute Vorbereitung und Organisation gedankt.
Der letzte Abend in Montmirail bot dann Gelegenheit zum Rück- und Ausblick, aber auch zu einem herzlichen Dank an Br. Frieder Waas und Br. Volker Schulz, deren Einsatz vor und hinter den Kulissen diese beeindruckende Studienfahrt ermöglicht hat.
Roland Künzel ist Gymnasiallehrer im Ruhestand
und Autor von Sach- und Kinderbüchern.
Er lebt in Berlin.
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