Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags, den die Autorin während des Studienseminars in Ebersdorf gehalten hat. Zum Themenschwerpunkt „Postkoloniale Theologie“ haben sich im Februar Studierende der Brüdergemeine aus den Niederlanden und Deutschland zu einem intensiven Austausch getroffen. Den ungekürzten Artikel in englischer Sprache und mit umfangreichen Fußnoten haben wir als PDF zum Download bereitgestellt.

 

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von Thandi Soko-de Jong

 

Sankofa

(Bildquelle: wikimedia)

Beginnend mit der Doctrine of Discovery im 15. Jahrhundert über die Berliner Konferenz (1884–1885) bis hin zur anhaltenden Neokolonialisierung entwickelte sich die europäische Kolonialisierung. Zwei Schlüsselbegriffe kennzeichnen wichtige Reaktionen auf Kolonialisierung und deren anhaltenden Auswirkungen (Kolonialität): Dekolonialisierung und Dekolonialität. Um sie voneinander zu unterscheiden, ist die Analogie eines Hauses hilfreich: 

 

  • Dekolonisierung ist, als würde man dafür sorgen, dass ein unwillkommener Fremder das Haus verlässt.
  • Dekolonialität bezeichnet die Wiederherstellung der Ordnung, nachdem der Fremde gegangen ist. 

 

In der Praxis werden angesichts eines weit verbreiteten Neokolonialismus häufig beide Ziele gleichzeitig verfolgt: Gesellschaften wollen sich von anhaltender Herrschaft befreien und wiederherstellen.
       Möchten wir die Gegenwart begreifen und eine bessere, gerechtere Zukunft gestalten, müssen wir den Einfluss der Kolonialisierung auf die Geschichte verstehen. Sankofa, ein in der ghanaischen Tradition verwurzeltes Symbol, verkörpert die Idee, dass wir in die Vergangenheit blicken müssen, um voranzukommen – dargestellt als ein Vogel, der nach vorne schreitet, während er seinen Kopf zurückdreht, um seine Weisheit (symbolisiert durch ein Ei) zu holen. Fortschritt setzt voraus, die Geschichte zu kennen und aus ihr zu lernen. Für Kirche und Theologie gilt das gleichermaßen. Hier hinterfragen „Theologien der Dekolonialität“ kritisch, wie die Kirche und ihre Missionsarbeit das Erbe der kolonialisierten Völker verzerrt, unterdrückt, zur Ware gemacht oder dämonisiert hat, um ein eurozentrisches Christentum zu festigen.
       Einige postkoloniale christliche Traditionen betrachten alle Menschen als gleichermaßen sündig und gleichermaßen erlösungsbedürftig; andere betonen die Prädestination. Sie wurde, etwa im Calvinismus, historisch dazu genutzt, die Herrschaft über sogenannte „Nichterwählte“ oder „Heiden“ zu rechtfertigen. Dem stehen Traditionen gegenüber, die das imago Dei bekräftigen. Sie stellen fest, dass alle Menschen in derselben Weise Gottes Ebenbild tragen, ohne dass Gott eine Gesellschaft der anderen vorzieht.
       Durch Theologien, die auf dem Konzept der „imago Dei“ gründen, wird meiner Ansicht nach eine Dekolonialität möglich: Sie widersetzen sich dem Aufbau von Kolonialsystemen, bestätigen die Autonomie einst kolonialisierter Völker und erkennen an, dass diese auf einzigartige Weise zu Gottes Werk auf Erden beitragen – ohne dass sie ihr von Gott gegebenes Erbe aufgeben müssen.

 

Ein Platz am Tisch?


Das Studienseminar in Ebersdorf besuchte ich zum ersten Mal. Hier konnten wir uns gut strukturiert mit den vorherrschenden Narrativen über den Kolonialismus und dessen Einfluss auf das Christentum auseinandersetzen. Zur Sprache kam etwa die Metapher des „Tisches“. Viele Darstellungen der Berliner Konferenz zeigen typischerweise um einen Tisch herum sitzende europäische und amerikanische Vertreter, die eine koloniale Expansion nach Afrika planen. Auffällig ist, dass keine afrikanischen Vertreter anwesend sind. Diese Abwesenheit veranschaulicht eine koloniale Logik, die in der Metapher „einen Platz am Tisch zu haben“ selbst verankert ist.
        Diese setzt ein privilegiertes Zentrum voraus, in dem einige wenige Auserwählte Entscheidungen für die Abwesenden treffen. Selbst wenn sich marginalisierte Gruppen einen Platz am Tisch sichern, garantiert das nicht, dass die eigene Stimme gehört wird und Veränderungen bewirkt. Solche „Tische“ infragezustellen, hat ihre Wurzel im Evangelium selbst: Ist es wirklich eine Frohe Botschaft für alle Menschen, dann müssen alle – ohne Ansehen der Person – gleichen Zugang und gleiche Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Entscheidungsfindung haben. Wenn die Stimmen der (ehemals) Kolonisierten gehört werden, können sie den eigenen Sankofa-Prozessen im Lichte der Dekolonialität Ausdruck verleihen.

 

Thandi Soko-de Jong stammt aus Malawi
und lebt mit ihrer Familie in den Niederlanden

Das diesjährige Studienseminar fand vom 9. – 15. Februar in Ebersdorf/Thüringen statt.


 

Artikel veröffentlicht am 08. Mai 2026

 

Artikel veröffentlicht am 08. Mai 2026