„Lieben lernen“ ist himmlisch!
Eine Predigt über Versöhnung
von Benigna Carstens
Der 13. August ist für die Brüder-Unität ein Datum mit Strahlkraft: Aus einem Abendmahl heraus gewann die noch junge Herrnhuter Gemeinde an einem 13. August 1727 die Kraft, miteinander Glauben zu leben und einander anzunehmen. Versöhnt konnten die Schwestern und Brüder sich nicht nur in die Augen blicken, sondern auch gemeinsam nach vorn. Vieles kam in Bewegung: Tägliche Bibelworte wurden ihre Begleiter – die Losungen erreichen seit 1728 immer mehr Menschen, weltweit. Und im Jahr 1732 führte der Aufbruch in der Gemeinde sogar zu noch größerer Bewegung, als zwei Handwerker ihre Siebensachen packten, um sich in die Karibik einzuschiffen und ins Ungewisse aufzumachen – die Geburtsstunde der Herrnhuter Mission.
Eine Predigt zur Epistel für Sonntag, den 16. August 2026.
Predigttext (Epheser 2,4-10):
Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet –; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
Liebe Schwestern und Brüder!
„Gott hat uns lebendig gemacht.“
Das feiern wir – jeden Sonntag. Sonntag ist Auferstehungstag: Gott hat Jesus auferweckt. Er erweckt auch uns. Nicht erst am Jüngsten Tag. Sondern für unser Leben jetzt und hier. Das ist die Basis unseres Glaubens als Christen, zu welcher Kirche wir auch gehören.
Versöhnung mit Gott, mit dem Leben selbst, durch die Liebe selbst. Die Versöhnung steht am Beginn unseres Lebens als Christen. Und sie bleibt der Grund. Aber die Predigt kann damit nicht enden.
Warum nicht? Vielleicht, weil es sonst so kommt wie in Herrnhut vor 300 Jahren. Da waren lauter Erlöste zusammengekommen. Christen waren das, besonders fromme Christen. Solche, die von Jesus nicht nur im Christenlehreunterricht gehört hatten. Sondern Menschen, die ihm ihr Leben anvertraut hatten. Wir kennen die Geschichte: Sie hatten für den Glauben sogar ihre Heimat verlassen. Erben von prächtigen Bauernhöfen waren darunter, die gesagt hatten: Ich lasse alles zurück. Ich will mit und für Jesus leben. Andere waren dazugekommen, die spürten: Nur so normal kirchlich zu sein, ist zu wenig. Ich möchte konsequenter tun, was Jesus will.
„Unser Lamm hat gesiegt, lasst uns ihm folgen.“ Vielleicht hatten sie geglaubt, alles Böse schon überwunden, „Sünde und Welt“ hinter sich gelassen zu haben. Vielleicht war das ein Grund, warum sie umso tiefer hineingeraten waren. Warum sie in abgrundtiefe Streitereien kamen. In denen sie selbst sich als die besten aller Christen sahen. Vielleicht sogar die einzigen. Aber ihre Liebe zueinander starb ab.

Oder entstand gar nicht erst. Kamen sie doch alle aus verschiedenen Ecken. Die einen verstanden sich eher lutherisch, andere schweizerisch-reformiert. Die dritten legten Wert auf ihre Jahrhunderte alte Tradition der Böhmisch-Mährischen Brüder-Unität, für die manche im Gefängnis gelitten hatten, für die andere gestorben waren. Vertreter des aktuellsten geistlichen Trends gab es auch in Herrnhut: Separatisten, die alles Kirchliche für „vom Teufel“ hielten, Taufe und Abendmahl ablehnten, und so weiter …
Und weil das mit dem Glauben – mit dem richtigen Glauben – so wichtig war, fingen sie an sich zu bekämpfen. Das gibt es, dass Christen zwar mit Gott versöhnt sind, das sogar richtig feiern, aber nicht miteinander versöhnt sind. Schon zu Zeiten, als vermutlich irgendein Paulusschüler den Brief an die Gemeinde in Ephesus schrieb. Ihm ging es um das Verhältnis der Juden und Griechen in der Kirche. Aus der Apostelgeschichte und anderen Briefen wissen wir, welche Fragen da diskutiert wurden: Ist das Alte Testament für uns verbindlich? Und was davon eigentlich? Dürfen Christen alles essen? Auch wenn das Fleisch vom Opfergottesdienst für andere Götter kommt?
Vielleicht sagt ihr jetzt: Ein Glück, die Probleme haben wir heute nicht mehr. Wir sind auch überhaupt nicht mehr so intolerant gegenüber anderen Glaubensüberzeugungen.
Wirklich?!
Und wie war das erst kürzlich, als es um Corona ging? Wie ist es rund um das Thema „fossile, erneuerbare oder Atom-Energien“? Oder um den Weg zum Frieden angesichts des russischen Krieges? Ist es nicht so, dass wir derzeit nur deswegen nicht heftig streiten, weil wir über uns wichtige Themen eher schweigen?
In Herrnhut jedenfalls kam es zum 13. August.
Zur Versöhnung.
Gott war da mit seinem lebendig machenden Geist.
Und wir wissen: Diese Versöhnung fiel nicht einfach vom Himmel. Versöhnungs-, Seelsorge-, Strukturarbeit im Vorfeld gehörten dazu. Und doch war es ein Geschenk, fühlten sie sich wie „im siebten Himmel“. Immer, wenn jemand „lieben lernt“, wie sie es nannten, ist das himmlisch. Wie eine Auferweckung ist es, wenn wir aufhören zu verachten, zu verdächtigen, zu hassen.
Im Predigttext wird das so ausgedrückt: Gott hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus.
Wozu hat Gott das getan? Um uns selbst und anderen Menschen seine Liebe zu zeigen. Und er setzt hinzu: in den kommenden Zeiten. Der Briefschreiber weiß: Gottes Pläne zielen nicht nur auf Individuelles. Sie gelten auch nicht nur momentan, für die eigene Zeit. Wenn Menschen von Gottes Liebe ergriffen werden, bleibt das nicht bei ihnen. Dann nimmt Gott sie mit hinein in seinen großen Plan für die Menschheit, früher hätten sie gesagt, in seinen Heilsplan.
Wenn wir Gottes Liebe erlebt haben, Gottes unverdiente Liebe, dann ist das kein Geschenk nur für uns. Nichts, es unter dem Sofa wegzustopfen oder in der Vitrine anzuschauen. Es soll allen gezeigt werden.
Auch das ist etwas, das wir mit dem 13. August verbinden. Denn obwohl die Mähren bereits, bevor sie nach Herrnhut kamen, von ihrem Glauben weitergeben wollten, kommt erst jetzt, in Liebe vereint, die Missionsbewegung in Schwung. Deswegen werden wir 2032 schon wieder ein Jubiläum feiern: Den Beginn der Brüdergemeine als weltweiter Kirche.
An welchem Punkt der Geschichte aber sind wir? Wie gehen wir auf die 300-Jahrfeier unserer Kirche im nächsten Jahr zu? Jedenfalls hoffentlich nicht mit dem im Brief erwähnten „Selbstruhm“. Was in Herrnhut geschehen ist, können wir „Gnade“ nennen. Es ist nichts, auf das wir stolz sein könnten.
Aber etwas können wir doch:
Wir können uns wiedererkennen in unseren Vorfahren. Heilsam wiedererkennen. So wie Jesus wollte, dass sich seine Zuhörer und Zuhörerinnen in der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner wiedererkannten.
Wir können die Worte des Pharisäers als unsere eigenen erkennen: „Ich danke dir, dass ich nicht bin wie jene …!
Wir können uns in unseren Vorfahren in Herrnhut entdecken. Mit unserem Selbstgenügen an der eigenen kleinen Kirche. Mit unserer oberflächlichen Art von ökumenischer Offenheit. In der wir uns vor allem nicht interessieren für die anderen – für die katholische Spiritualität oder die orthodoxe genauso wenig wie für unsere freikirchlichen Nachbarn.
Wir können entdecken, dass wir unsere Mitchristen damit verletzen.
Wir können auch unsere eigene Unversöhnlichkeit entdecken gegenüber Menschen, die uns Schmerzen zugefügt haben.
Wir können Gott bitten:„Sei mir Sünder*in gnädig!“
Liebe Geschwister,
in einem Jahr feiern wir die Geburtsstunde unserer Kirche. Es ist die Geburtsstunde der Liebe. Die beste Vorbereitung auf dieses Jubiläum könnte sein, dass wir uns selbst als Menschen erkennen, die sich schuldig machen. Dass wir andere verletzen, anderen Unrecht tun.
Gerade so erfahren wir Gottes versöhnende Liebe. Gerade so weckt uns diese Liebe auf aus Gleichgültigkeit und Verachtung. Sie weckt uns auf zum Leben mit Gott. Sie weckt uns auf zum gemeinschaftlichen Leben mit seinen so wunderbar vielfältigen Kindern, Christen und Nichtchristen.
Auf diese Weise wird die Versöhnung auch durch uns weitergehen.
Wir können gespannt sein. Amen.
Benigna Carstens ist Pfarrerin in Ruhestand.
Aktuell ist gehört sie zum Vorbereitungsteam
des Jubiläumswochenendes zu 300 Jahren
Herrnhuter Brüdergemeine
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