Zum 350. Todestag Paul Gerhardts


von Michael Seibel

„Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön.“

 

Mit dieser Liedzeile sind wir mittendrin in der Dichtkunst von Paul Gerhardt, diesem Liederdichter, von dem wir so vieles kennen und doch so wenig wissen. 

Geboren wurde Paul – er selbst bevorzugte später die lateinische Form Paulus – am 22. März 1607 in Gräfenhainichen, einem kleinen Städtchen am Rande der Dübener Heide, das heute zum Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt gehört. Sein Vater Christian entstammte einer angesehenen und wohlhabenden Gastwirtsfamilie und war Bürgermeister des Städtchens. Der Großvater Mütterlicherseits war Caspar Starcke, Superintendent in Eilenburg und bekannt als streitbarer Anhänger der lutherischen Orthodoxie.
       Der „große Krieg“ 1618–1648 bestimmten Gerhardts Jugend- und Studienjahre. Sein Vater starb 1619, seine Mutter 1621. Sein älterer Bruder Christian (*1605) war ab 1620, er selbst ab 1622 Schüler der Fürstenschule zu Grimma im ehemaligen Augustinerkloster, die man heute wohl als humanistisches Elite-Internat bezeichnen würde. Klösterlich streng ist die Erziehung und Bildung, bei denen Religion und Latein im Mittelpunkt standen, einschließlich der Lateinischen Dichtkunst.
       Ein Stipendium bekamen die beiden Brüder nicht, offensichtlich war auch nach dem Tod der Eltern durch das Vermögen der Familie ihr Unterhalt gesichert.
       Das Abschlusszeugnis 1628 bescheinigt Paul Gerhardt „nicht geringe Begabung, (er) beweist Fleiß und Gehorsam“; anschließend schreibt er sich als Student der Theologie an der Universität Wittenberg ein – und wird Langzeitstudent. Fünfzehn Jahre lebt er in der Universitätsstadt, verdient sich seinen Lebensunterhalt als Erzieher, und im September 1643 in Berlin signiert er immer noch mit „Paulus Gerhardus, SS. Theologiae studiosus“ – wann und weshalb er nach Berlin kam, liegt wiederum im Dunkeln.
       Nun, in Berlin, beginnt Gerhardts Dichterische Tätigkeit. Die Dichtung galt damals als Handwerk, in Wittenberg existierte ein Lehrstuhl für Poesie. Da ging es nicht um Gedichtanalyse oder gar Literaturwissenschaft; dort sollten die Studiosi das Dichten lernen, was damals zum gebildeten Leben gehörte wie das Schreiben eines Briefes oder einer Abhandlung. Grüße zu Geburtstagen oder anderen Festen wurden als Gedicht geschrieben und übersandt.
       Paul Gerhardts Gedichte (bzw. Lieder) sind mehr als Handwerk, allerdings auch keine spiritualistische Weltbetrachtung. Wohl vor dem Hintergrund der Grauen des Dreißigjährigen Krieges hat Gerhardt seinen ganz eigenen Stil gefunden, in irdischen Schönheiten die Vorboten des kommenden Paradieses zu sehen. Als wohl anschaulichstes Beispiel dafür sei „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ genannt, erstmals veröffentlicht 1653, in dem er in den ersten acht Strophen die Schönheit des Gartens und der Natur beschreibt, um dann in den weiteren sieben Strophen die Bilder auf den himmlischen Garten und den Sinn des menschlichen Lebens zu übertragen.
       Dieses Lied fällt in seine wohl produktivste Schaffenszeit ab ca. 1648, die Zusammenarbeit mit dem Kantor der Berliner Nikolaikirche, Johan Crüger (1598-1662), scheint hier besonders fruchtbar gewesen zu sein. Crüger war Herausgeber des Gesangbuches „Praxis Pietatis Melica“ („Musikalische Übung der Frömmigkeit“), das ab 1647 und bis 1661 in zehn Auflagen erschien und in Nachfolge Crügers bis weit ins achtzehnte Jahrhundert fortgeführt und aktualisiert wurde. Die Ausgabe von 1647 enthielt 18 Texte aus Paul Gerhardts Hand, 1653 kamen 64 Texte hinzu, in der Ausgabe von 1661 noch einmal acht. Es finden sich unter anderen die Lieder „Auf auf, mein Herz mit Freuden“, „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ und „Nun danket all und bringet Ehr“, später dann auch „Lobet den Herren alle, die ihn ehren“ oder das Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“.

 

 

Nie eine einzige Bewerbung hat Paul Gerhardt in seinem Leben geschrieben, ebenso hat er selbst nie ein Gedicht selbst veröffentlicht. Als 1651 die Stelle des Propstes zu Mittwenwalde frei wurde, bat der Magistrat bei der Berliner Pfarrerschaft um Empfehlung eines geeigneten Theologen. Einhellig positiv fiel das gemeinsame Urteil aus und so wurde Paul Gerhardt in die Probstpfründe nach Mittenwalde berufen. Seine erste Pfarrstelle, denn vor der Ordination musste er sich noch der Amtsprüfung unterziehen. Nun, im Alter von 48 Jahren mit Amt und Würde ausgestattet, konnte er auch endlich heiraten. Schon viele Jahre lebte er mit seiner Frau unter einem Dach; die bereits 32-jährige Anna Maria war die Jüngste Tochter des Kammergerichtsrates Andres Berthold, bei dem er ab 1643 als Hauslehrer (wohl für die Enkel) angestellt war.
       Als 1657 der Probst der Nikolaikirche starb, setzte in Berlin das Ämterkarussell ein und der Magistrat berief Paul Gerhardt auf die dadurch frei werdende Stelle des dritten Diakons – offenbar war die Empfehlung nach Mittenwalde weit mehr als ein Hinwegloben gewesen. Mit seinem Amtsantritt im November geriet er jedoch mitten hinein in einen Konflikt, den wir in der Geschichte als „Kirchenkampf“ kennen. Schon Kurfürst Johann Sigismund, Großvater des „Großen Kurfürsten“, war 1613 vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis übergetreten. Was da noch mehr pro forma und aus Opportunismus geschehen war, wurde nach dem großen Krieg zum großen Zankapfel. Kurfürst Friedrich Wilhelm war in den Dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts zum Studium in den Niederlanden gewesen und hatte dort einen weltgewandten Calvinismus kennengelernt. So sehr er darauf setzte, Politik auf Wirtschaft statt auf Religion zu gründen, war eine auf Erwerb und Wohlstand gerichtete (reformierte) religiöse Gesinnung seiner Untertanen für ihn unerlässlich. Und auch wenn niemand zur Konversion gezwungen wurde, so wurden nach und nach alle Lutheraner aus den wichtigen Ämtern gedrängt – die preußisch-frühbarocke Spielart der Toleranz.
       Lassen wir uns nicht täuschen von heute friedlich unierten Landeskirchen z. B. in Baden oder Westfalen. Die Lutheraner sprachen den Calvinisten die Eigenschaft ab, überhaupt Christen zu sein. Die Schimpfworte, die von den Kanzeln beider Konfessionen erschallten, waren derb und deftig und sind uns durch das im zweiten Toleranzedikt ausgesprochene Verbot überliefert.
Bei den Geistlichen jedoch hörte die Toleranz auf: Wer der lutherischen Konkordienformel nicht durch Unterschrift unter das Edikt abschwor, wurde des Amtes enthoben – bei Paul Gerhardt immerhin unter Fortgewährung der Besoldung.
       Im dichterischen Schaffen bedeutete diese Zeit der Spannung eine Zäsur während fast gleichzeitig der gerade einmal 25-jährige Johann Georg Ebeling aus Lüneburg zum Nachfolger von Johann Crüger bestellt wurde. Er brachte einen neuen, lebendigen Musikstil mit und fasste in den Jahren 1666 und 1667 alle bekannten 119 geistlichen Lieder Paul Gerhardts in einer gedruckten Sammlung zusammen. Auch, wenn sich von den sämtlich neu komponierten Melodien Ebelings nur vier im Gebrauch erhalten haben, ist es die umfassendste Sammlung von Gerhardt-Lieder, die wir besitzen.
       Die Berufung nach Lübben – wiederum ohne sich beworben zu haben – kam gerade zur rechten Zeit. Paul Gerhardt war inzwischen verwitwet und hatte die ebenfalls verwitwete Schwester seiner Frau samt deren Sohn in seinen Haushalt aufgenommen. Um den „Prediger Paul Gerhardt“ zur Probepredigt abzuholen, schickt man aus Lübben ein Fuhrwerk – seine Lieder scheint man hier nicht zu kennen. Über sein Wirken hier schweigen die Quellen, Gedichte sind aus dieser Zeit nicht überliefert. Er scheint müde geworden zu sein. Nach einem bewegten, schaffensreichen und nicht immer geradlinig verlaufendem Leben stirbt Paul Gerhardt in seinem siebzigsten Lebensjahr am 27. Mai 1676 in Lübben. Er hinterlässt der Gemeinde ein Bild in Amtstracht, eine lateinische Inschrift darunter lautet übersetzt „Ein in Satans Siebe gesichteter Theologe“, und seinem Sohn ein Testament, das ihn zum einfachen Glauben aber furchtlosen Bekennen ermahnt.

 

 

Vielleicht werden seine Lieder heute noch öfter gesungen als Goethe oder Schiller vorgetragen und erst die Rezeption des 19. Jahrhunderts brachten nach Pietismus und Aufklärung seine Lieder zurück in die Gesangbücher. Doch ist es gut, sich an die Geschichte zu halten, wenn man selbst nichts Besseres weiß – und findet womöglich dort den Weg in die Zukunft.

 

Ich selbsten kann und mag nicht ruhn /
Des grossen Gottes grosses thun
Erweckt mir alle sinnen.
Ich singe mit / wenn alles singt /
Und lasse / was dem Höchsten klingt /
Aus meinem Hertzen rinnen.

Michael Seibel ist Kantor
der evangelischen Gemeinden in Königsfeld

Titelbild: Denkmal Paul Gerhardts vor der Kirche in Lübben (Material für Grafik: wikipedia)


weiterführende Links zum Thema

gespielt von Michael Seibel an der Rensch-Orgel
der evangelischen Kirche Angelbachtal-Eichtersheim 

 


 


 

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2026

 

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2026