Das Oldie-Festival in Herrnhaag


ein Bericht von Katharina Seiler

„Eben noch“ auf dem Herrnhaag-Festival mit Festival-Radio, großer Zeltstadt, chillend (das Wort war in den 1990-ern noch gar nicht erfunden!) auf der herrlichen Wiese vor dem Grafenhaus. Jetzt mit Wohnmobilen, einigen Hörgeräten und manche schon im Ruhestand auf dem Oldie-Festival, Wetter-bedingt nur selten im Freien. Dazwischen liegen gut und gern 30 Jahre mit allem, was uns seither beschäftigt hat: Kinder oder nicht, Berufsausübung, gesellschaftliches und kirchliches Engagement, Hausbau, Pflege der Eltern und, und, und.

Was uns Teilnehmer*innen nach wie vor verbindet, ist unser Interesse an der Verantwortungsübernahme und Mitgestaltung dieser Welt - darunter wollen wir es nicht! Und gemeinsam ist uns die Verbundenheit mit unserer kleinen Kirche, die dieses Engagement braucht. 
       „Da kommt was auf uns zu“ war unser Motto. Und da kommt einiges: Wie möchten wir im zunehmenden Alter leben? Und mit wem? Was füllt uns aus, wo wir doch schon so viel erlebt haben? Welche Rolle wird Einsamkeit für uns spielen? Wie gestalten wir unsere Ruhestände und mit wem? Wer trägt unseren Sarg? Und wo wollen wir beerdigt sein? Anonym oder mit Grabstein?
       Vieles, das in anderen Zusammenhängen nicht gut ertragen wird, durfte ausgesprochen und gemeinsam bedacht werden: Wer darf uns pflegen, wenn wir es selbst nicht mehr vermögen? Nicht nur den Haushalt führen, sondern auch den Po abwischen? Und beenden wir unser Leben selbstbestimmt, bevor wir jahrelang in einer Demenz versinken, deren Verlauf wir leibhaftig miterleben?
       Beim Blick über die persönliche Lebensgestaltung hinaus auf die größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge spüren etliche von uns eine wachsende Ungeduld: Wir wissen längst, dass die Klimakrise Konsequenzen erfordert. Es ist doch selbstverständlich, keine Gasheizung mehr einzubauen und das Fliegen sein zu lassen! Warum tun wir es nicht nachdrücklicher und auch nachhaltiger? Wir wissen um die Demokratie in Gefahr angesichts rechter Positionen, die zunehmend salonfähig werden. Wer soll sich bei den „Omas gegen rechts“ engagieren, wenn nicht wir?

Das Oldie-Festival am langen Himmelfahrts-Wochenende war ein Ort für Bündnisse. Wir haben uns gegenseitig daran erinnert, dass es auf uns und unser Tun ankommt. Viele bringen sich ein – in der kirchengemeindlichen Flüchtlingsarbeit, in der Etablierung eines Dorfladens, mit positionierten Artikeln in renommierten Zeitungen.
       Was aber, wenn wir im Alltag scheinbar abgeschieden sind von Initiativen und Bewegungen, die die Gesellschaft verändern wollen? Vielleicht geht das in unserer BG- App, in der wir uns von unseren Ideen zum Erhalt einer demokratischen Gesellschaft erzählen, in der wir uns von erfolgreichen Aktionen gegen die zunehmende Verrohung der Gesellschaft schreiben? Vielleicht geht das auf dem Gemeintag in Verden, dem Bläsertag? Auf jeden Fall geht es auf dem kommenden, fünften Oldie-Festival zu Himmelfahrt 2028, 25.–28. Mai.
Und zwischendurch ging das, was schon so lange in unseren Leben eine Rolle spielt und uns tatsächlich trägt: Singstunde, liturgischer Brunch, Gebete, ein Bläserchor, ein Gospelchor, Walk & Talk, Arbeitseinsatz. Knien können wir nicht mehr so gut, aber Unkraut zupfen geht auch von der langen Bank aus!

 

 

Katharina Seiler ist noch nicht im Ruhestand. Sie arbeitet als Coachin, Organisationsentwicklerin
und Supervisorin von Hamburg aus überall dort, wo sie Aufträge bekommt.

 

Artikel veröffentlicht am 10. Juli 2026

 

Artikel veröffentlicht am 10. Juli 2026