„Ich hoffe auf dein Wort“
Begegnungen mit den Losungen in Zürich
von Christian Flöter

„Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort.“ – Ein jahrhundertealter Gebetsruf, zu finden im Psalm 119. Und als Losung am 11. März 2026. Ein jahrhundertealter Gebetsruf, noch immer voller Kraft und Hoffnung.
Am Sonntag, dem 15. März, lud die Herrnhuter Sozietät in Zürich Freundinnen und Freunde der Losungen in die innerstädtische St.-Anna-Kapelle. „Begegnungen durch die Losungen“ – so stand es auf der Einladung. Und es wurde tatsächlich ein Nachmittag voller Begegnungen.
Von einer ersten Begegnung berichtete Darius Kuhl, Pfarrer der einladenden Sozietät, gleich in der Begrüßung. Am Vortag sprach ihm das Pauluswort „Zur Freiheit seid ihr berufen“ (Galater 5,13) tief ins Herz. Er selbst sei „ein Freiheitsmensch“, äußere Zwänge beklemmen ihn daher immer wieder. Kuhl hat sich auf eine Begegnung mit dem Text für diesen Tag eingelassen, in gewisser Weise ist er ins Zwiegespräch damit gegangen. Und so ist ihm aufgefallen, dass auch Freiheit zu einem solchen Zwang werden kann. Möchte er immerzu „frei von“ sein, kann der Druck schnell übergroß werden. Ob frei von schlechten Angewohnheiten, frei von körperlichen Einschränkungen, frei von Verantwortung – das Freiheitsstreben wird viele Mühen kosten, Ergebnis ungewiss. Die größte Freiheit bestehe für Darius Kuhl stattdessen darin, auf diese „Freiheit von“ sogar aktiv verzichten zu können. Ballast abwerfen, um sich für neue Erfahrungen freizumachen.
Berührend wurde der Nachmittag, als auch einige Gäste spontan von ihren eigenen freimachenden Begegnungen mit den Losungen erzählten. So eine Frau, die sich aus dem Kanton Thurgau auf den Weg nach Zürich gemacht hat. Sie berichtete von immer wiederkehrenden Hustenanfällen, die so stark sind, dass sie ihr fast die Sinne nehmen. Einen solchen hatte die Frau in der letzten Woche, am 11. März. In ihrer akuten Not griff sie zum Losungsbuch, der Blick fiel auf das Psalmwort. Ein jahrhundertealter Gebetsruf, den sie sich sofort zu eigen machte: „Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort.“ Binnen kurzer Zeit kehrte Ruhe in ihr Gemüt ein, den Hustenanfall konnte sie gut verarbeiten.
Den weitesten Weg nahm Jutta Soldini-Günther (89) auf sich: Über zwei Stunden Autofahrt hatte sie aus dem italienischsprachigen Kanton Tessin kommend hinter und vor sich. Mit Verve berichtete sie von ihren eigenen Erfahrungen. Geboren in Herrnhut, zog sie bald nach Mailand. Dort erlebte sie die ersten Jahrgänge der italienischen Losungsausgabe. Auch wenn es keine Herrnhuter Gemeinden in Italien gebe, habe das kleine Andachtsbuch doch schnell Einzug in das Glaubensleben der evangelischen Christen dort gehalten. Ihren eigenen Anteil daran ließ sie bescheiden nur durch die Zeilen durchklingen.
Nach den Gesprächen über die Losungen ging es um einen Austausch etwas anderer Natur: Seit zwei Jahren begrüßt die Lebensgemeinschaft Herrnhaag – eine Sozietät der Brüdergemeine in der Nähe Frankfurts – junge Erwachsene zu einem einjährigen Freiwilligeneinsatz. So sind bisher Menschen aus Ghana und Südafrika als Gäste auf Zeit in die alten Gemäuer dieser auch kulturgeschichtlich wichtigen Herrnhuter Siedlung eingezogen. Gegründet im Jahre 1738, entwickelte sich der Ort rasch zu einer internationalen Gemeinschaft: Johann Waas, neben seiner Frau Johanna einer der beiden Vortragenden, berichtete, dass im 18. Jahrhundert Menschen aus bis zu 25 Nationen hier zusammengekommen seien.
An diese Tradition schließt gewissermaßen auch das neue Freiwilligenprogramm an. Zwölf Monate hindurch wird das große Schwesternhaus in Herrnhaag jungen Menschen aus anderen Weltteilen zum Zentrum von Leben und Arbeiten. Struktur geben auch hier unter anderem die Losungen. Wenn die Hausgemeinschaft mit den biblischen Versen in den Tag startet, bieten diese manchmal ein Stück Heimat. So auch für die beiden Freiwilligen aus Südafrika, die bis Februar in Herrnhaag lebten. Von Kindesbeinen an sind sie mit den Losungen großgeworden und haben es lieb gewonnen, sich nach den Bibelworten auszurichten.
Das Freiwilligenjahr wird auch für Odwa Sikisiki und Eagan Marshand viele nachhaltige Begegnungen bereithalten. Sie stammen ebenfalls aus Südafrika, sind dort Mitglieder der Brüdergemeine und haben nun seit Anfang März ihren Lebensmittelpunkt in Hessen. Sie werden Herrnhaag besonders in den Sommermonaten als einen Treffpunkt von Herrnhutern aus nah und fern erleben, legendär etwa ist das Herrnhaag-Festival über Pfingsten. Neben den Jahreshighlights, zu denen die kleine Lebensgemeinschaft Gäste aus aller Welt begrüßen darf, werden Sikisiki und Marshand hoffentlich auch viele Geschwister in anderen Gemeinden treffen. Eine Reise nach Herrnhut ist bereits geplant.
Christian Flöter ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit
der Evangelischen Brüder-Unität.






