Eine künstlerische Spurensuche zwischen Kolonialismus, Glaube und Identität


ein Beitrag von Andreas Herrmann

 

 

In der historischen Kulisse der Leipziger Baumwollspinnerei entfaltete sich in den letzten Monaten ein außergewöhnliches Projekt. Das Leipzig International Art Programme (LIA), eine internationale Künstlerresidenz unter der Leitung von Anna-Louise Rolland, lud Kunstschaffende aus Tansania, Südafrika, Suriname und Nicaragua ein, um sich intensiv mit einem spezifischen Kapitel deutscher und globaler Geschichte auseinanderzusetzen: der Herrnhuter Brüdergemeine. Initiiert durch das Auswärtige Amt, zielte das Programm darauf ab, koloniale Verflechtungen und die Missionsgeschichte aus der Sicht derer zu beleuchten, deren Kulturen durch diese Begegnungen nachhaltig geprägt wurden.

 

 

Ausgangspunkt in Herrnhut in der Oberlausitz


Der Prozess begann im November mit einer Reise zum Ursprung: nach Herrnhut. Begleitet von den Experten des Völkerkundemuseums Herrnhut Johanna Funke, Dr. Frank Usbeck, Silke Piwko sowie Kathrin Schneiß von der Gästearbeit der Evangelischen Brüder-Unität, erkundeten die Künstler das Archiv, den Gottesacker und die Stadt. Für viele war es eine Begegnung mit einer Geschichte, die in ihrer Heimat zwar präsent, aber oft einseitig dokumentiert ist. Im Archiv stießen sie auf Tagebücher, Briefe und Objekte, die Fragen nach ihrer Herkunft und Bedeutung aufwarfen – waren sie Geschenke oder heilige Gegenstände, die ihren rechtmäßigen Platz in den Ursprungsgemeinden haben sollten? Nach dieser Exkursion arbeiteten die Stipendiaten zweieinhalb Monate lang in ihren Ateliers in der Spinnerei, um ihre individuellen Perspektiven in Kunstwerke, Performances und Texte zu übersetzen.

 

 

Perspektiven auf Heilung und Barrieren


Lillian Munuo aus Tansania brachte eine besonders persönliche Sichtweise ein. Als Rollstuhlfahrerin beschäftigte sie sich mit dem Menschenbild der Missionare. Sie kritisiert eine „Theologie der Korrektur“, die den behinderten Körper als heilungsbedürftig und unvollkommen ansah. In ihrer Arbeit kontrastierte sie diesen „Charity-Ansatz“ mit einem sozialen Modell von Behinderung, das nicht den Körper fixieren will, sondern gesellschaftliche Barrieren abbauen möchte. Für sie wurde die Kunst zu einem Raum, indem sie die Akzeptanz des Körpers, wie er ist, und das Leben in Gemeinschaft thematisierte.

 

 

 

Die Fragmente der Geschichte und das Exil


Die südafrikanische Schriftstellerin Nolwazi Mbali Mahlangu nutzte die Archivfunde für eine Reflexion über Migration und Sprache. Sie faszinierte die Korrespondenz der Missionare aus der Fremde in die Heimat. In einer Installation mit Postkarten verdeutlichte sie, dass jede Begegnung in der Fremde fragmentarisch bleibt – man nimmt immer nur einen Teil der Wahrheit wahr. Für sie ist Sprache das entscheidende Bindeglied, um Geschichten zu teilen und sich auf Augenhöhe zu begegnen.

 

 

 

Erinnerung und materielle Transformation – Nicaragua außerhalb der Heimat


Einen schmerzhaften Bezug zum Thema Heimatlosigkeit verkörperte Illimani de los Andes. Die Künstlerin und Anthropologin aus Nicaragua untersuchte die Dokumente über die Karibikküste ihrer Heimat. Während sie einerseits eine spirituelle Heilung durch den Dialog in Herrnhut erfuhr, ist ihre reale Situation von politischer Härte geprägt: Illimani lebt im Exil in El Salvador und darf aufgrund der politischen Lage nicht mit ihrer Familie nach Nicaragua zurückkehren. Sie beschrieb ein tiefes Gefühl des „Displacement“ – eine Heimatlosigkeit, die sie mit den historischen Schicksalen derer verbindet, die einst unfreiwillig ihre Kultur verlassen mussten.

 

 

Mars Rodriguez ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die in New York City lebt und deren Wurzeln bis nach Nicaragua reichen. In Leipzig hat sie sich dem Thema Frau und Umwelt gewidmet. Sie arbeitet mit allen Medien, die sie am meisten ansprechen. Textilien, Druckgrafik, Malerei, aber auch Video. Ihre Praxis basiert auf der Transformation von Materialien, Erinnerungen und Emotionen. Sie arbeitet oft mit gefundenen, wiederverwerteten oder gespendeten Objekten, Dingen, die andere wegwerfen oder festhalten. Sie schafft mit dem, was verfügbar ist, nicht nur aus Notwendigkeit, sondern weil diese Materialien gelebte Erfahrungen in sich tragen. Dabei sind ihre Arbeiten emotional, intuitiv und vielschichtig und verbinden oft Weichheit mit Bruch, Ritual mit Reflexion. Ob sie nun Stoffe näht, Formen modelliert oder immersive Installationen baut, sie schafft Räume, die Trauer, Überleben, Mutterschaft und kulturelles Gedächtnis beherbergen.

 

 


Suriname: Zwischen Oper und Ahnenkräften


Auch die Verbindung zu Surinam spielte eine zentrale Rolle. Ein Teil der Forschung widmete sich dem Komponisten Johannes Nicholaas Helstone, der Ende des 19. Jahrhunderts in Leipzig klassische Musik studierte und später die erste surinamische Oper schuf. In einem Video-Projekt wurde untersucht, wie seine Musik europäische Traditionen mit surinamischen Realitäten verknüpfte. Ergänzt wurde dies durch die Perspektive von Raoul de Jong, dessen Buch „Jaguarmann“ den Konflikt zwischen indigener Spiritualität (Winti) und der Herrnhuter Mission thematisiert. Er erzählte die Geschichte zweier Vorfahren: eines Winti-Priesters und eines Brüdermissionars, die einen Krieg um den Glauben innerhalb einer Familie führten – ein Konflikt, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind.

 

 

 

 

Ein Dialog ohne Hierarchien


Das Projekt gipfelte im großen Winterrundgang der Spinnerei, bei dem die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Hunderte Besucher kommen in jedem Jahr zu dieser Atelierpräsentation in der Alten Spinnerei. In einer Diskussionsrunde trafen Akteure aus Museen, Botschaften, der Kunstwelt und aus Herrnhut selbst zusammen, um Hierarchien aufzubrechen und einen offenen Dialog über die koloniale Vergangenheit zu führen. 

 

 

Wie LIA-Geschäftsführerin, Gründerin und Kuratorin Anna-Louise Rolland treffend zusammenfasste, ist dieses Projekt erst ein Anfang. Die Künstler haben Wege gefunden, die Herrnhuter Geschichte in ihre eigene Biografie einzubauen und visuelle oder sprachliche Formen für komplexe Themen wie Trauer, Resilienz und Identität zu finden. Es bleibt ein fortlaufender Prozess der Heilung und der kritischen Reflexion, der über die Grenzen Leipzigs und Herrnhuts hinausreicht. 

 

 

Andreas Herrmann ist Presse-
und Rundfunkbeauftragter
der Evangelischen Brüder-Unität

 

Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2026

 

Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2026