Gottesacker Herrnhut
Wo europäische Geschichte lebendig wird
von Andreas Herrmann
Zehn junge Menschen aus Europa und den USA haben in Herrnhut am Erhalt des kulturellen Erbes gearbeitet. Im Rahmen eines Projekts der European Heritage Volunteers widmeten sie sich dem historischen Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine. Sie reinigten Grabstätten, dokumentierten sie fotografisch und beschäftigten sich mit den Lebenswegen der hier Bestatteten. Doch der Aufenthalt bot mehr als praktische Arbeit: Die Freiwilligen lernten die Bewohner und das Leben der Brüdergemeine kennen, tauschten sich über Kulturen aus und entdeckten internationale Verbindungen, die den Ort bis heute prägen.
Die European Heritage Volunteers bringen jährlich Studierende und junge Menschen aus dem Kulturerbe-Bereich an Orten zusammen, an denen historische Substanz Pflege benötigt. Dort sammeln sie praktische Erfahrungen und lernen neue Techniken. Die Gruppe in Herrnhut spiegelte diesen europäischen Gedanken wider: Die Teilnehmer kamen aus der Tschechischen Republik, den USA, Nordirland, Österreich, Deutschland, Italien, Spanien, der Türkei und Griechenland. Fast alle studieren Geschichte, Archäologie, Restaurierung oder Kulturwissenschaft. Ihre Motivationen waren vielfältig. Einige wählten bewusst ein Projekt an einem religiösen Ort; andere interessierten sich für Friedhöfe, die Anthropologie des Todes oder die Grabsteinpflege.
Zum Programm gehörte auch ein Exkurs nach Niesky. Dort besichtigte die Gruppe ein, wie sie sagen, von außen ungewöhnliches „Herrnhuter Gotteshaus“ mit einem beeindruckenden Herrnhuter Stern im Inneren. Pastorin Christine Pietsch führte sie durch die Stadt und vermittelte wertvolle Einblicke in die Geschichte und Gegenwart der Gemeine Niesky sowie den Gottesacker dort. Außerdem gab es einen Besuch bei der modernistischen Holzbauarchitektur im Konrad-Wachsmann-Haus.
Böhmische Wurzeln und tschechische Spuren
Für Alexandra Hamplova, Kulturwissenschaftsstudentin an der Prager Karls-Universität, war das Projekt von hohem persönlichem Interesse. Als Tschechin beschäftigt sie sich mit der Hussitenbewegung und der Brüder-Unität. Sie will herausfinden, wie präsent die böhmischen Wurzeln der Brüdergemeine heute noch sind. Eine Schlüsselrolle spielt für sie die Verbindung zu Prag und der Bethlehemskapelle, einem Erinnerungsort der böhmischen Reformation, in der Jan Hus predigte und die später von der Brüder-Unität genutzt wurde. Hamplova stellt jedoch einen Unterschied in der Wahrnehmung fest: Während Jan Hus und die böhmische Reformation in Tschechien im historischen Bewusstsein verankert sind, ist die Herrnhuter Brüdergemeine dort weniger bekannt. In Herrnhut konnte sie erleben, wie mit dieser Geschichte umgegangen wird, und historische Fäden aus Prag weiterverfolgen.
Vom Grabstein ins Archiv: Geschichte greifbar machen
Die praktische Arbeit der Gruppe vor Ort konzentrierte sich auf die Schwesternseite des Gottesackers. Durch die Reinigung, präzise fotografische Erfassung und systematische Zustandsdokumentation der Gräber schufen die Freiwilligen eine wertvolle Grundlage für Erhalt und künftige Forschungsarbeiten. Daten sollen später digital zur Verfügung gestellt werden. Einige Teilnehmer gingen zusätzlich ins Archiv, um aus den Lebensdaten auf den Grabsteinen Lebensgeschichten zu rekonstruieren. So verband das Projekt Denkmalpflege mit historischer Forschung.
Eine Brücke nach Gracehill
Für Amy Baird war der Weg nach Herrnhut ein glücklicher Zufall. Sie arbeitet als Stadtführerin im nordirischen Gracehill – ebenfalls einer historischen Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine. Im Mai lernte sie beim UNESCO-Welterbetag in Gracehill Andrea Kretschmer aus Herrnhut kennen. Baird führte sie über den dortigen Gottesacker, wo sie sich intensiv über die Friedhofspflege austauschten. Dabei erfuhr sie von dem Freiwilligenprojekt in Herrnhut. Für Baird war dies die ideale Möglichkeit, eine andere Herrnhuter Siedlung kennenzulernen und praktische Fähigkeiten zu erwerben, die sie nun in Gracehill nutzen möchte.
Der direkte Vergleich der verschiedenen Standorte mache deutlich, wie sich die gemeinsame Herrnhuter Tradition regional unterschiedlich entwickelt hat. Während Gracehill durch den britisch-georgianischen Stil des 18. Jahrhunderts geprägt sei und wirke Herrnhut moderner mit seinem schlichten, weißen Kirchensaal, sagt Amy Baird. Auch bei den Friedhöfen zeigten sich trotz der gleichen Grundanlage feine Unterschiede in der Pflege und Gestaltung. In Niesky beispielsweise wird das Gras seltener gemäht, was dem Ort einen beinahe gartenähnlichen Charakter verleiht.
Gemeinschaft und lebendiges Erbe
Neben der fachlichen Arbeit waren für die Gruppe die Begegnungen prägend. Die Teilnehmer beschreiben die zwei Wochen als eine wunderbare Zeit, in der sie auch die Sprachen und Kulturen der jeweils anderen kennenlernten. Beeindruckt hat sie auch die Gastfreundschaft der Herrnhuter Gemeinde. Die spürbare Dankbarkeit gab den Freiwilligen das Gefühl, Teil der Gemeinschaft zu sein. Zudem bot sich für die Herrnhuter Gemeinde die Gelegenheit, von den Volunteers mehr über die Begräbnistraditionen in deren Heimatländern zu erfahren. Besondere Höhepunkte waren für die Gruppe neben der Besichtigung des Zinzendorfschlosses in Berthelsdorf die Teilnahme am traditionellen Vogtshofblasen des Herrnhuter Bläserchores und natürlich der Gottesdienst in der Kirche.
Der Aufenthalt zeigt ebenfalls, wie viele verschiedene Zugänge der historische Gottesacker ermöglicht – von der praktischen Pflege über die historische Recherche in den Archiven bis hin zur Vermittlung von Kulturerbe. Für die Freiwilligen wurde Herrnhut zu einem Ort der Begegnung mit der eigenen Geschichte und gleichzeitig zu einem inspirierenden Lernort, dessen Erkenntnisse sie in ihre Heimatorte und künftige Projekte tragen können. Für die gesamte Gruppe wurde der Gottesacker so zu einem lebendigen Zeugnis, an dem Geschichte aktiv bewahrt wird. Kulturerbe lebt davon, dass Menschen sich damit beschäftigen, Wissen teilen und Verantwortung übernehmen. Aus der gemeinsamen Arbeit ist so ein lebendiges Stück internationaler Gemeinschaft geworden.
Andrea Kretschmar, die nun inzwischen im vierten Jahr seitens der Gemeinde die Freiwilligen betreut, freut sich wie jedes Jahr über den Verlauf: Zum einen ist die Arbeit der Freiwilligen im Bereich der Gottesackerpflege und auch der Dokumentation von großem Wert für die Gemeinde und auch der Austausch von Gemeindemitgliedern und Freiwilligen ist jedes Mal für alle Beteiligten sehr wertvoll. Ihr Dank geht dabei auch an alle, die das zweiwöchige Projekt unterstützen – sei es durch Mitfinanzierung, Sponsoring, kostenlose Führungen, Übersetzungen oder Zeit für Begleitung, Kuchenbacken, Fahrdienste o.ä. – ohne diese vielfältige Unterstützung könnte ein solches Projekt nicht stattfinden.
Andreas Herrmann ist Pressesprecher
der Evangelischen Brüder-Unität
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