Die Herrnhuter in der Neuen Welt


von Konrad Fischer

 

Das Thema USA war schon lange nicht mehr so präsent wie derzeit. Manchmal sind die Berichte feierlich, schließlich beging das Land am 4. Juli seinen 250. Jahrestag der Unabhängigkeit. Manchmal sind sie unerwartet, denn die DFB-Nationalmannschaft hatte zur Fußball-WM ausgerechnet in der Brüdergemeinsiedlung Winston-Salem Quartier genommen. Und vor wenigen Jahren ließ die Meldung aufhorchen, dass die Orgel im Herrnhuter Kirchensaal ein Tannenberg-Register erhalten hatte; benannt nach dem berühmten US-amerikanischen Orgelbauer, der wiederum im nahen Berthelsdorf geboren wurde. Schließlich sind auch die Innen- und Außenpolitik der USA regelmäßig diskutierte Themen.

Die neue Sonderausstellung im Herrnhuter Heimatmuseum geht vor allem einer Frage nach: „Was haben die USA mit der Herrnhuter Brüdergemeine zu tun?“ Eine erste, kurze Antwort, ohne zu viel vorwegzunehmen: „Mehr, als man vielleicht denkt!“ Denn tatsächlich hat diese kleine Kirche in Nordamerika deutliche Spuren hinterlassen. Dies gilt insbesondere für die Zeit vor der Gründung der USA im Jahr 1776, weshalb ein Schwerpunkt der Ausstellung auf dem 18. Jahrhundert liegt.
       Neben dem geistlich-missionarischen Wirken wird auch der Wissens- und Technologietransfer betrachtet, der damals von Europa, Deutschland und Herrnhut in die „Neue Welt“ nach Amerika erfolgte. Selbstverständlich kann eine solche Ausstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Vielmehr werden vor allem Biografien und Geschehnisse beispielhaft beleuchtet, die stellvertretend für das Große und Ganze stehen können. Neben den bekannteren Namen wie Zinzendorf, Spangenberg und Zeisberger werden auch weniger bekannte Persönlichkeiten der „Moravian Church“ vorgestellt, die ebenso spannende Lebens- und Wirkungsgeschichten aufweisen. So war der Hauptpastor von Bethlehem, Lewis David von Schweinitz, zugleich der Begründer der modernen Pilzkunde in Nordamerika. Er beschrieb dort mehr als 3.000 verschiedene Pilzarten.
       Bis heute prägend für die nordamerikanische Architekturgeschichte ist der aus der englischen Brüdergemeinsiedlung Fulneck stammende Benjamin Latrobe, der 1803 von Präsident Jefferson zum Architekten des Kapitols in Washington ernannt wurde. Eindrücklich ist auch die Geschichte des Mohikaners Tschop, der 1742 von den Herrnhutern getauft wurde. Rund 80 Jahre später verarbeitete James Fenimore Cooper in seinem Roman „Der letzte Mohikaner“ dessen Schicksal. Auf dieser Erzählung wiederum basiert „Chingachgook, die große Schlange“, der wohl populärste DDR-Indianerfilm – ein unerwarteter Aha-Effekt. Ein Wiedersehen nach langer Zeit gibt es vor allem für die Herrnhuter. Zentrales Objekt der Ausstellung ist nämlich das monumentale Gemälde „Die Macht des Glaubens – David Zeisberger predigt den Indianern“ von Alfred Bernert aus dem Jahr 1966. Es hing bis 2008 im Treppenhaus der Schwesternseite des Kirchensaals.

Die Missionsgeschichte der Herrnhuter wird heute immer wieder kritisch hinterfragt und von der Brüdergemeine durchaus selbstkritisch aufgearbeitet. Deutlich wurde dies in den vergangenen Jahren am Beispiel Surinames und der dortigen, auch negativen Erscheinungen. Einige in der Ausstellung schlaglichtartig genannte Begebenheiten legen nahe, dass das Wirken in Nordamerika hingegen deutlich positiver beurteilt werden kann. So stellte sich David Zeisberger während des Unabhängigkeitskrieges auf die Seite der Indianer und trat für deren Rechte ein. In der Folge wurde er 1781 von den britischen Kolonialbehörden wegen Hochverrats an England angeklagt. Nur dank der Fürsprache des Delawaren-Häuptlings Captain Pipe wurde er wieder freigesprochen. Bischof August Gottlieb Spangenberg wiederum wurde von den Irokesen sehr geachtet. Im Jahr 1745 wurde er von Häuptling Shikellmy offiziell in den Irokesenstamm der Oneidas und in den Bärenclan aufgenommen. Dabei erhielt er den Namen „Tgirhitontie“. Bereits drei Jahre zuvor hatte Zinzendorf mit den Oberhäuptern der Irokesen eine Art Friedensbund geschlossen. Insbesondere im 18. Jahrhundert finden sich in der nordamerikanischen Missionsgeschichte immer wieder solche Belege für die pazifistische Grundhaltung der Herrnhuter.
       Im letzten Abschnitt der Ausstellung wird schließlich die im Jahr 1741 gegründete Siedlung Bethlehem in Pennsylvania vorgestellt. Denn seit 2024 sind Herrnhut und Bethlehem – zusammen mit Christiansfeld und Gracehill – durch den gemeinsamen Welterbetitel neu verbunden. Die historischen Hintergründe dieser Verbindung zu erhellen, ist ebenfalls ein Anliegen der Ausstellung, die noch bis zum 25. Oktober 2026 zu sehen ist.


Konrad Fischer ist Leiter des Heimatmuseums der Stadt Herrnhut

 

Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2026

 

Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2026