Wegweiserin für Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 


eine Buchrezension von Freddy Dutz

 

Sie mussten nicht schön und gebildet sein, die adligen Töchter derer, die das Weltgeschehen im Kleinen und Großen bestimmen wollten. Wenn sie nicht gerade dümmlich waren, dann nahmen das die zukünftigen Gatten in Kauf, mehr oder weniger dankend. Vor allem kam es auf eine reiche Mitgift an: Grund und Boden, Immobilien, lieber aber noch Barvermögen, denn das konnte gleich eingesetzt werden. Eben für all die Dinge, die ein Edelmann gerne besaß und herzeigte. 

Henriette Katharina, eine Freiin von Friesen, lebte zwischen 1648 und 1726. Sie war in einer „modernen“ Familie aufgewachsen: Ihr Vater war kein Unbekannter: der sehr gebildete Carl von Friesen hatte 1648 bei den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück für die Evangelischen ein Stück Religionsfreiheit aushandeln können. Diese brachte den Bewohnern der Pfalzgrafschaft Sulzbach östlich von Nürnberg die Wahl zwischen dem römischen Katholizismus und dem lutherischen Protestantismus. Als der Vater dann an den sächsischen Hof nach Dresden berufen wurde, zog die ganze Familie mit. Carl, inzwischen in den Reichsfreiherrenstand erhoben, war ein erfolgreicher Diplomat, dem die Ausbildung seiner Kinder extrem wichtig war: Er hatte am eigenen Leib erfahren, dass auch „kleine“ Edelleute Karriere machen konnten, so sie denn gebildet, klug und welterfahren waren. Seine Kinder – Knaben und Mädchen – erhielten „auf das sorgfältigste“ Unterricht von verschiedenen Hauslehrern, vielfältige intellektuelle Anregungen und wurden ermuntert, zu lesen, denn Bücher gab es im Haushalt zu vielen Themen. 


Henriette Katharina verlebte mit ihren Geschwistern eine behütete Kindheit, in der Äußerlichkeiten weniger hoch im Kurs standen als Bildung, auch wenn man auf einigen Gemälden hübsche Kinder sieht. Schon bald zeigten sich ihre Intelligenz und ihre Talente: Henriette Katharina beherrschte neben Französisch und Italienisch auch Hebräisch, Griechisch und Latein, und sie hatte Unterricht in Syrisch und Chaldäisch erhalten. Auch im Sorbischen konnte sie sich ausdrücken. Natürlich erhielt sie auch Unterricht in all den Dingen, die von einer jungen Dame von Rang erwartet wurden, sollte sie doch später gut verheiratet werden und ihrem Gatten eine Stütze sein. Sie interessierte sich für Heilkunst, Naturkunde und malte kleine Ölbilder. Und frühzeitig war offensichtlich, dass sie verstand, sich auszudrücken und zu dichten. Und so dauerte es nicht lange, bis sie als „Poetin“ gefeiert wurde. Deshalb erhielt die 16-jährige Unterricht von einem leibhaftigen Universitätsprofessor, der ganz begeistert von ihr war. Sie deklamierte ihre Gedichte bei gesellschaftlichen Anlässen vor gebildeten Lai*innen und akademischen Gästen. Ihre „Fans“ lasen ihre Werke und priesen ihr Talent. Henriette Catharina – wie sie manchmal auch geschrieben wurde – sei dabei „mädchenhaft-unbekümmert“ geblieben, meint ihr Biograph, der überaus kundige Andreas Tasche, der anlässlich ihres 300. Todestages im März 2026 ein gut 200 Seiten umfassendes Buch verfasst hat.

 

 

 

Die Intellektuelle



Die sächsische (und andere) Intelligenza „frohlockten“ ob des Schaffens der gelehrten jungen Frau, und einige Männer bekannten, dass Gott wohl auch Frauen mit Verstandesgaben ausgestattet haben müsse. Nicht überall wurde diese Meinung geteilt: Jahre später wurde der mittlerweile verheirateten Henriette Katharina von Gersdorf der Besuch einer öffentlichen akademischen Veranstaltung an der Universität in Wittenberg verwehrt.  
Es war ihr aber wohl nicht leichtgefallen oder auch nicht leichtgemacht worden, ihre Werke zu veröffentlichen. Manches hat sie womöglich gar nicht aufgeschrieben, sondern spontan gedichtet und zu Gehör gebracht. Man kann spekulieren, ob die Gedichte eines jungen Mannes notiert worden wären, wohingegen – trotz aller Bewunderung – einem „gebildeten Frauenzimmer“ doch nicht so viel Beachtung geschenkt wurde. Sie veröffentlichte jedenfalls nur ein schmales Bändchen zu Lebzeiten; drei Jahre nach ihrem Tod erschien ein weiteres. Von ihren geistlichen Liedern wurde vom Autor je eines den Kapiteln seines Buches vorangestellt.
Die Quellenlage, so bedauert Tasche, sei hinsichtlich der Kindheit und Jugend Henriette Katharinas dünn. Deshalb weiß man nicht, ob sie – nur mäßig materiell begütert – heftig umworben worden war. Womöglich schreckte manch „passender“ Heiratskandidat auch vor der talentierten, gebildeten Frau zurück …
Erst mit 24 Jahren heiratete sie den 19 Jahre älteren zweimal verwitweten Nicolaus II von Gersdorf. Ihre Ehe, die mit Nicols Tod nach 30 Jahren endete, war glücklich. Davon zeugen Berichte und zärtliche Briefe der Eheleute. In ihrem Gatten hatte die Frau, die sich als überaus tatkräftig und nicht nur als feinsinnig entpuppte, einen treuen Weggefährten. Gemeinsam lebten sie in seinem großen Stadthaus in Dresden, wo sie während seiner häufigen beruflichen Abwesenheit alles regelte, was im Haushalt und der Verwaltung zu erledigen war. 

 

 

Die Fromme



Andreas Tasche beschreibt das Umfeld Henriette Katharinas genau, so dass die Verwandtschaftsverhältnisse der Frauen und Männern, die für das Leben der Intellektuellen wichtig waren, sichtbar werden. Das tut er mit großer Akribie. Richtig in Schwung kommt er, wenn es darum geht, ihre Verdienste um die Erziehung und später um die Beratung ihres Enkels zu dokumentieren. 
Henriette Katharina war in einem lutherischen Elternhaus aufgewachsen. Mit der Unzufriedenheit mancher Gläubigen ob der Erstarrung der Amtskirche war sie vertraut, und sie hat sie selbst gespürt. Deshalb hieß sie den Pietismus – eine zunächst innerkirchliche Reformbewegung – in ihrem Herzen willkommen. Dabei ging es ihr nicht um eine Verinnerlichung des Glaubens, sondern sie nutze auch ihre gesellschaftlichen Beziehungen, um über „Theorie und Praxis“ zu korrespondieren und zu debattieren. Dabei hielt sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, und – noch wichtiger: sie handelte entsprechend. Für die Bildung auch „einfacher“ Mädchen setzte sie sich vehement ein und förderte das evangelische Bildungswesen ihrer Zeit.
Als ihre früh verwitwete Tochter erneut heiratete, übernahm Henriette Katharina die Erziehung ihres verwaisten vierjährigen Enkels, Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, nachdem zwei Jahre zuvor ihr geliebter Ehemann gestorben war. Mit neuem Lebensmut und neuer Kraft machte die 54-jährige sich gern an diese Aufgabe.

 

 

Die Beraterin



Ob ohne ihre Erziehung, ohne ihre Einflussnahme und ihre Weisheit „der“ Zinzendorf zu dem „evangelischen Heiligen“ geworden wäre, zu dem so manch einer ihn in den vergangenen Jahrhunderten gemacht hat, sei dahingestellt. Sicher ist, dass ohne Ihr Zutun, ihre Weisungen und nicht zuletzt auch ohne ihr Geld, das Projekt „Herrnhut“ nicht zu dem herangewachsen wäre, was es damals war und heute ist.
Der größte Teil des Buches „Henriette Katharina von Gersdorf“ widmet sich dann – wie der Untertitel sagt – der „Wegweiserin für Nikolaus Ludwig von Zinzendorf“. Damit schließt der Biograf an seine vorherigen, sehr lesenswerten Bücher zu Zinzendorfs und der Herrnhuter Geschichte an: Alles, was vor der Gründung Herrnhuts und vor der Entstehung der Brüdergemeine mit Zinzendorf geschah, kann auf „die Gersdorferin“ zurückgeführt werden.
Tasche zitiert umfangreich Zinzendorfs Verehrung für die Großmutter. Sie war immer streng mit dem charismatischen Kind, später auch mit dem jungen Erwachsenen. Tasche hält sich mit einer Bewertung in dieser Hinsicht fein zurück. Doch es braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie sehr die beiden – in der gebotenen Höflichkeit der Zeit, selbstverständlich! – miteinander gerungen haben. Und ob ihr Engagement – vulgo: Einmischung – in sein Privatleben tatsächlich immer geschätzt wurde, ist nicht wirklich fraglich, auch wenn darüber die Archive schweigen.

 

 

Die Biografie dieser großartigen Frau liest sich wunderbar, sobald man sich an die Namen der vielen Prominenten in ihrer Verwandtschaft erst einmal gewöhnt hat. Es ist bedauerlich, dass etliche Facetten ihres Lebens nie zum Glitzern gebracht werden, denn – wie Tasche feststellt: Viele handschriftliche Quellen zu ihrem Wirken sind noch nicht ausgewertet. Dass sie neben dem Leben als „Großmutter“ noch mindestens zwei weitere Leben hatte, wird trotzdem deutlich: Sie war eine kreative gefeierte Poetin, eine liebende und geliebte Ehefrau und eben „seine“ Oma. Ziemlich viel für ein Leben!

 

 

Freddy Dutz ist Publizistin
und Unternehmensberaterin in Hamburg

 

Artikel veröffentlicht am 06. März 2026

 

Artikel veröffentlicht am 06. März 2026