275 Jahre Brüdergemeine Neuwied



 

 

Mit einem festlichen Gottesdienst konnte die Evangelische Brüdergemeine Neuwied am 12. Oktober zurückblicken: Seit 275 Jahren leben und beten, arbeiten und feiern nun schon Schwestern und Brüder im Herrnhuter Karree. Welche Höhen und Tiefen sie dabei erlebt haben, wurde schließlich am 7. November anschaulich. An diesem Abend wurde nämlich eine beeindruckende Ausstellung von acht Dioramen zur Geschichte der Gemeinde eröffnet. Anhand von Abbildungen der einzelnen Dioramen laden wir Sie herzlich zu einer kleinen Zeitreise ein.

 

 


 

 

1750
ANGEKOMMEN

 

Die Ankunft der ersten Siedler mit Philipp Heinrich Molther


 

 

Ab 1750 mussten die Herrnhuter die Siedlung Herrnhaag verlassen, weil der neue Büdinger Graf sie nicht mehr wie bisher duldete. Einer von ihnen, der gebürtige Elsässer Ph. H. Molther, wurde zum Prediger der neuen, französischsprachigen, Herrnhuter Gemeinde in Neuwied berufen. Am 16. Oktober 1750 kamen die ersten Siedler der Herrnhuter Brüdergemeine in Neuwied an. Graf Friedrich Alexander III. zu Wied hatte sie bewusst angeworben, waren die Herrnhuter doch für ihre handwerklichen Fähigkeiten und ihre Tüchtigkeit bekannt.

Den ersten Familien wurde ein vom wiedischen Baudirektor Behagel angemietetes Haus zugewiesen. Anfänglich herrschten Enge, Kargheit, Armut und Unsicherheit. Sie lebten notdürftig von der Hand in den Mund. Erst als ihnen die dauerhafte Ansiedlung im Rahmen einer Konzession durch Graf zu Wied 1754 erlaubt worden war, konnte eine ausgeprägte Bautätigkeit beginnen und sich das Gemeindeleben entfalten.

1773 ist erstmals der Einsatz eines Blechbläserchores belegt.


 

 

1772
MEISTERSTÜCK

 

Die Roentgens und die Betriebe der Brüdergemeine Neuwied


 

 

Im Brüder- und im Schwesternhaus wurden zahlreiche Betriebe eingerichtet. Die Möbelmanufaktur von Abraham und David Roentgen gehörte zu den bekanntesten und wuchs weit über die Grenzen der Brüdergemeine hinaus. In der Szene im Wohnzimmer sieht man Vater und Sohn über die Zukunft des Betriebes debattieren, dessen Existenz immer wieder von Kriegen und den jährlichen Hochwassern bedroht war.

Abraham Roentgen, 1711 in der Nähe von Köln geboren, traf auf der Wanderschaft als Schreiner in London den Grafen Zinzendorf und ließ sich 1737 in die Brüdergemeine aufnehmen. Nachdem sich eine Tätigkeit als Missionar zerschlug, wurde er auf dem Herrnhaag als Kunsttischler tätig und kam 1750 mit der Familie nach Neuwied. Die von ihm gegründete Kunstmöbelmanufaktur belieferte die Fürstenhäuser der weiten Umgebung.

1772 übernahm David Roentgen (* 1743) die Manufaktur. Auf seinen Reisen lernte er die aktuelle Möbelmode und moderne Fertigungs- und Vertriebsmethoden kennen. In einer Geschäftskrise nach dem Siebenjährigen Krieg 1756 – 1763 hatte er 1768 eine Möbellotterie organisiert und damit die „Neuwieder Möbel“ an den deutschen Fürstenhöfen und großen Städten bekannt gemacht.


 

 

1784
GEMEINSAM STARK

 

Hochwasser und Kriege bedrohen die Brüdergemeine Neuwied


 

 

Die Lage Neuwieds direkt am Rhein brachte neben vielen Chancen auch zwei Gefahren mit sich: die Hochwasser in Neuwied, das erst im 20. Jahrhundert durch einen Deich geschützt wurde, und die Kriege, bei denen der Fluss und seine Übergänge immer wieder eine Rolle spielten. Die Szenerie zeigt den Kampf der Brüder gegen die Eisschollen im Hochwasser 1748.


Die Gemeinde wuchs von 42 Mitgliedern im Jahr 1755 auf 400 im Jahr 1783. Nachdem das erste Viertel bebaut war und der erste Kirchensaal im Obergeschoss des Gemeinhauses zu klein wurde, bekam die Gemeinde die Erlaubnis, ein weiteres Viertel zu bebauen. Auch ein neuer Kirchensaal sollte dort entstehen. Das Bauholz lag schon bereit, als die dramatischen Hochwasser vom 27. Februar bis zum 4. März 1784 Neuwied heimsuchten. Die Häuser der Brüdergemeine waren die ersten Häuser der Stadt, die die Wasserfluten und die Eisschollen erreichten. Das Diarium der Gemeinde berichtet bewegt von den wiederholten Eisgängen und den zahlreichen Bewahrungen. Mit Stangen wehrten die Bewohner die Eisschollen ab, lenkten sie um die Häuser oder zogen sie davor zum Schutz. Die Versorgung der Gemeinde musste mit Booten geschehen oder über Dachböden, auf denen die Mauern durchbrochen worden waren. Am Ende war das Bauholz weg, aber es hatten alle überlebt und die Schäden an den Häusern waren zu reparieren. 


 

 

1784
WILLKOMMEN

 

Leute aus Neuwied in aller Welt


 

 

Die Brüdergemeine Neuwied war keine in sich geschlossene Gemeinde, sondern unterhielt zahlreiche Kontakte in der Stadt, in der Umgebung und weltweit. Die Szene zeigt die Ankunft des Ehepaars Siebörger in Neuwied nach ihrer Rückkehr von Nicaragua.


Schon 1732, zehn Jahre nach der Gründung Herrnhut, waren die ersten Brüder in die Karibik aufgebrochen, um den versklavten Menschen dort ein Zeugnis der Liebe Gottes in Christus zu sein. Zwischen den Jahren 1757 und 1805 gingen allein aus dem Brüderhaus Neuwied fünzig Brüder in die Mission nach Übersee oder in entlegene Teile Europas. Die Gemeinde war oft Durchgangsstation für Reisende. 


Emilie Dorothea (*1850) und Friedrich Wilhelm Siebörger (*1842) lebten von 1874 bis 1899 als Missionare an der Miskitoküste, einem Teil des heutigen Nicaraguas. Der von F.W. Siebörger für seine Frau verfasste Lebenslauf wirft ein Bild auf hohe Motivation, aber auch die Härten des Missionsdienstes. Dazu gehören die Abschiede von den eigenen Kindern zur Erziehung in Deutschland, wie sie damals üblich waren. Zugleich wird berichtet, wie Emilie Dorothea Siebörger in der musikalischen Begleitung der Gottesdienste, in der Schule und in der Gemeinschaft mit den indigenen Frauen aufging.


 

 

1887
VOLLTREFFER

 

Die Schulen der Brüdergemeine in Neuwied


 

 

Im 19. Jahrhundert erlebte die Brüdergemeine Neuwied ihre Blütezeit. Die Gemeinde hatte sich in der bürgerlichen Gesellschaft Neuwieds etabliert. Die handwerklichen Betriebe florierten, es war ein Kommen und Gehen von Gästen und Mitarbeitenden. Und die Schulen erfüllten die Viertel mit Leben. Davon zeugen bis heute die großen Gebäude entlang der Friedrichstrasse. Die Szenerie zeigt das wohl erste Fußballspiel in der Region in der Knabenanstalt Neuwied.


Bereits im Jahre 1756 wurde im Brüderhaus eine Knabenanstalt errichtet und vier Jahre darauf eine Mädchenanstalt im Schwesternhaus. Die Knabenanstalt hatte international einen hervorragenden Ruf. 1850 waren es 150 Schüler, viele aus höhergestellten Kreisen, vor allem aus England, aber auch aus Holland und der Schweiz. Die Engländer brachten auch das Fußballspiel mit nach Neuwied; 1887 wird von einem solchen offiziell berichtet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts blieben die ausländischen Schüler auf Grund der politischen Situation immer mehr aus. 1913 wurde die Knabenanstalt geschlossen.

 
Die Mädchenanstalt durchlief eine ähnliche Entwicklung. Als Besonderheit erhielten die Mädchen 1874 eine eigene Turnhalle. Da sich die Mädchenanstalt früh auf inländische Schülerinnen umgestellt hatte, bestand sie länger, erlebte ab 1922 eine späte Blüte, bevor sie 1936 geschlossen werden musste. 


 

 

1911
LOSLASSEN

 

Das Ende der handwerklichen Betriebe 


 

 

Die Szene zeigt den Vorsteher Eduard Seiler im Brauerei-Keller in Mendig im Krisengespräch mit Mitarbeitern anfang des 20. Jahrhunderts. 


Zu jeder Siedlung der Brüdergemeine gehörte von Anfang an auch ein Gemeinlogis (Gasthof), damit man Gäste beherbergen konnte. So auch in Neuwied. Als man 1793 ein eigenes Gebäude dafür errichtete, schloss man diesem auch eine Landwirtschaft, eine Brennerei und eine Bierbrauerei an. 1834 wurde die Brauerei eigenständig und entwickelte sich unter der Leitung von Joseph Giesser zu einer der größten Brauereien der Stadt. Dieser war es auch, auf den der Gedanke zurückgeht, die durch Basaltsteinbrüche entstandenen Felshöhlen in Niedermendig mit ihren konstant niedrigen Temperaturen zur Bierlagerung zu verwenden. Bald schon errichtete man dort eine eigene Brauerei, die schließlich den Großteil der Produktion ausmachte. Das Geschäft florierte einige Jahrzehnte, ging aber Ende des 19. Jahrhunderts zurück. 1923 musste die Neuwieder Brauerei geschlossen werden.


Heute besteht als einziger Betrieb der Brüdergemeine in Neuwied der „Ofenbau des Brüderhauses“, der bis heute unter anderem Kachelöfen herstellt und verkauft.


 

 

1944
ZUSAMMENHALT

 

Gelebte Ökumene im Krieg


 

 

Die Szene zeigt Gerhard Reichel, Prediger der Brüdergemeine Neuwied von 1928 bis 1947, und Walther Mörchen, Pfarrer der Marktkirche von 1924 bis 1946, beim Einrichten der „Krypta“ für einen Gottesdienst. In bedrängter Zeit bewiesen die beiden Mut im Bekennen gegen den Nationalsozialismus und zeigten die starke ökumenische Verbundenheit der Kirchen in Neuwied.  


Anhänger der Ideologie Adolf Hitlers in der Kirche hatten sich 1931 zur Gruppierung der „Deutschen Christen“ zusammengeschlossen. Mit ihrer Hilfe versuchten die Nationalsozialisten, die Kirchen auf Linie zu bringen. Christen, die sich dem Rassenwahn verweigerten und nicht bereit waren, alles Jüdische aus der Bibel zu streichen, schlossen sich zur „Bekennenden Kirche“ zusammen. Nachdem die bekennende Gemeinde mit Pfarrer Mörchen aus der Marktkirche ausgeschlossen worden war, bot die Brüdergemeine ihr 1934 an, ihr Gemeindeleben in den Räumen der Brüdergemeine zu gestalten. 


Am 23. 10. 1944 musste die Gemeinde wegen Bombenalarm in dem alten Brauereikeller Zuflucht suchen. Es wurde spontan beschlossen, diesen generell für Gottesdienste zu entrümpeln und einzurichten. Bis zum Eintreffen der Amerikaner am 22. März 1945, was für Neuwied ein Ende der Kriegszeit bedeutete, wurden in der sogenannten „Krypta“ viele Gottesdienste gefeiert. 


 

 

2025
GEMEINSAM FEIERN

 

Gemeinde heute


 

 

Die Feier der Christnacht am 24. Dezember, wie die Szenerie sie zeigt, ist für viele der Höhepunkt des Kirchenjahres in der Brüdergemeine. Der große Stern hängt, der Saal ist geschmückt mit Baum und Kerzen; alle musikalischen Gruppen, der Bläserchor, der Kirchenchor und die Orgel wirken mit. Gegen Ende der Versammlung werden als Zeichen für das Licht, das mit Christus in die Welt kommt, Kerzen ausgeteilt. 


Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Brüdergemeine Neuwied durch den Zustrom der Flüchtlinge aus den östlichen Gemeinden stark an. Die nach dem Krieg mit einfachen Mitteln reparierten Häuser im Viertel füllten sich mit Leben. 


Mit der Zeit zogen immer mehr Familien vom Zentrum Neuwieds in eigene Häuser in den Ortsteilen. Im Herrnhuter Viertel zeigte sich stets deutlicher der Sanierungs- und Modernisierungsbedarf. Ab 1984 begann eine große Sanierung im Rahmen der „einfachen und kostensparenden Stadterneuerung“. Die Innenhöfe wurden entkernt, und viele Häuser saniert. 1996 wurde das „Herrnhuter Viertel“ unter Denkmalschutz gestellt. 
Im Jahr 2024 hat die Brüdergemeine 327 Mitglieder, davon 149 in Neuwied und 61 im näheren Umfeld. In Neuwied ist die Brüdergemeine bekannt durch das „Herrnhuter Viertel“ und den eigenen „Gottesacker“ in der Elisabethstraße, durch ihre Mitarbeit in der Ökumene und im Rat der Religionen, durch die öffentlichen Einsätze des Bläserchors und die originalen Herrnhuter Sterne, die im Viertel leuchten. Interessierte sind herzlich willkommen zu den Führungen durch das Viertel, zu Konzerten und vielfältigen Veranstaltungen, zum Sternegarten im Advent und zum offenen Treff der Gemeinde im Brüderstübchen.

Konzeption:


Ulrike Carstensen, Angelika Fitzner, Christoph Huss

 

Historisches Material:


Harald Colditz, Christoph Huss

 

Künstlerisch und handwerklich waren tätig:


Anne Bau, Jürgen Blum, Justus und Ulrike Carstensen, Angelika und Sven Fitzner, Christoph Huss, Margit Lessing, Jane Mebs und Rasmus Weger 


weiterführende Links zum Thema


 

Artikel veröffentlicht am 02. Januar 2026

 

Artikel veröffentlicht am 02. Januar 2026