Ursprung des Herrnhuter UNESCO-Welterbes 


von Andreas Herrmann

 

Seit 2024 trägt Herrnhut stolz den Titel UNESCO-Weltkulturerbe – gemeinsam mit Bethlehem in den USA und Gracehill in Nordirland. Für viele ist es eine schöne Entdeckung, dass die Wurzeln dieser internationalen Anerkennung nicht allein in Sachsen liegen. Ihren Ausgangspunkt fand die Geschichte im dänischen Christiansfeld – einem Ort, der bis heute in enger und herzlicher Verbindung zu Herrnhut steht. Zusammen bilden die vier Orte das Welterbe „Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine“.

Christiansfeld wurde 1773 rund vierzig Jahre nach Herrnhut gegründet, auf Einladung der dänischen Krone. König Christian VII. gewährte der Brüdergemeine Religionsfreiheit, Steuervergünstigungen, Baumaterialien und wirtschaftliche Unterstützung – ein außergewöhnlicher Vertrauensbeweis und die Grundlage für eine Siedlung, die christliches Leben, Handwerk und Gemeinschaft vorbildlich vereinen sollte. Was in Herrnhut entstand, fand in Christiansfeld eine fast idealtypische architektonische Form: eine klare, symmetrische Stadtanlage, schlichte und funktionale Gebäude, der Saal, die Chöre, Schulen und gemeinschaftlich gelebter Glaube. Bis heute gilt Christiansfeld vielen als die architektonisch vollkommenste Herrnhuter Siedlung. König Christian VII. zeigte sich bei einem Besuch tief beeindruckt von Ordnung, Frömmigkeit und Fleiß der Bewohner.

Während einer Reise hatte König Christian VII. die Herrnhuter-Siedlung in Zeist in den Niederlanden kennengelernt und sich tief beeindruckt von deren städtebaulichem Konzept und Gemeindestruktur gezeigt. Dieser Besuch gilt als ausschlaggebender Impuls für seine Entscheidung, die Brüdergemeine zur Errichtung einer vergleichbaren Siedlung im Süden des dänischen Königreichs einzuladen – konkret in Südjütland. Diese Zusammenhänge werden in verschiedenen historischen Überblicksdarstellungen wie auch in den UNESCO-Nominierungsunterlagen für Christiansfeld hervorgehoben.
       Die Initiative zur UNESCO-Anerkennung ging zunächst aus der Öffentlichkeit hervor. Bereits 1992 stand Christiansfeld auf der dänischen Tentativliste. Richtig Fahrt nahm das Projekt jedoch ab dem Jahr 2000 auf, als die sogenannte Christiansfeld-Initiative entstand. Sie vernetzte Brüdergemeinen aus Bethlehem (USA), Zeist (Niederlande), Gnadau (Deutschland) und Südafrika – auch Herrnhut war in diesen Austausch eingebunden. In gemeinsamen Treffen wuchs das Bewusstsein für das weltweite Erbe der Herrnhuter Siedlungen – und die Vision einer transnationalen Anerkennung. Mit großer Hingabe entstand schließlich ein Antrag von fast 900 Seiten, gemeinsam erarbeitet von Kommune und Brüdergemeine. Am 4. Juli 2015, vor elf Jahren, wurde Christiansfeld als erste Herrnhuter Siedlung UNESCO-Welterbe. Der Erfolg ermutigte die anderen Gemeinden – auch in Herrnhut, wo man zunächst zögerte. Doch die Anerkennung in Dänemark wurde zum Vorbild. So entwickelte sich aus der Initiative in Christiansfeld ein internationales Projekt, das 2024 mit der Aufnahme Herrnhuts, Bethlehems und Gracehills seinen Höhepunkt fand.
       Heute besuchen jährlich bis zu 80.000 Menschen Christiansfeld. Die Bewohner nennen sie bewusst nicht Touristen, sondern Gäste. Viele kommen aus einem säkularen Umfeld und begegnen hier zum ersten Mal der Geschichte und dem Glauben der Brüdergemeine. „In gewisser Weise ist das auch eine stille Form der Mission“, sagt Pfarrer Jørgen Boytler – nicht laut, sondern einladend und zugewandt.

 

Besonders in der Adventszeit leuchten unzählige Herrnhuter Sterne in Christiansfeld und erinnern an jenes Licht, das einst von Herrnhut ausging und heute in vielen Ländern strahlt. Viele dänische Gäste nehmen im Besucherzentrum einen Herrnhuter Stern mit nach Hause – als Zeichen der Verbundenheit und als Licht der Hoffnung. 
       So ist Christiansfeld nicht nur ein Denkmal der Vergangenheit. Es ist – wie Herrnhut – ein lebendiger Ort des Glaubens, der Gemeinschaft und der Gastfreundschaft. Gemeinsam tragen beide Städte, mit ihren Schwesternorten weltweit, das Erbe der Brüdergemeine weiter in die Welt.

 

Andreas Herrmann ist Pressesprecher
der Evangelischen Brüder-Unität

 

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2026

 

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2026