Eine Wiederentdeckung


von Andreas Tasche

 

Bei ihrem Besuch vom 11. bis 20. Januar 2026 bei einigen neu entstandenen Brüdergemeinen im Norden und Osten von Brasilien kamen Jørgen Bøytler (DK), der Geschäftsführer des „Unity Board“, und Justin Rabbach (USA), der Exekutivdirektor des »Board of World Mission« der Brüdergemeine in Nordamerika, im Bundesstaat Santa Catarina überraschend mit einigen lutherischen Christinnen und Christen in Kontakt, die herrnhutische Wurzeln haben. Es stellte sich heraus, dass mit diesem Besuch an das Jahr 1885 angeknüpft wurde, als die Siedlung Brüderthal entstand.

Eine Provinzialsynode in Herrnhut hatte im Mai 1878 beschlossen, dass die Unität Gemeinschaft mit solchen christlichen Gemeinden herstellen sollte, die geistlich schlecht versorgt waren und sich an das Apostolische Glaubensbekenntnis hielten. Anfang der 1880er Jahre wuchs in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dass die Brüdergemeine ihre im Niedergang begriffene Arbeit in Russland wiederbeleben könnte. Seit 1765 gab es – nach Bewilligung der Selbstverwaltung durch die Zarin Katharina II., die Große – an der Wolga die Brüdergemeine Sarepta (später Stalingrad, seit 1961 Wolgograd), von der aus Mission unter den Kalmücken betrieben werden sollte.

Wilhelm Gottfried Lange


 

In Erfüllung des oben genannten Synodalbeschlusses kam es dazu, dass der ledige Pfarrer Wilhelm Gottfried Lange 1880 von der „Unitätsältestenkonferenz“ in Herrnhut beauftragt wurde zu erkunden, ob eine Diasporaarbeit der Brüdergemeine in Wolhynien, einer historischen Landschaft in der West-Ukraine, möglich wäre. In den riesigen Hochebenen und Sumpfniederungen Wolhyniens gab es für die geistliche Versorgung von etwa 100.000 evangelischen Auswanderern lediglich drei lutherische Pfarrer. Diese – und auch etliche ihrer polnischen, böhmischen und deutschen Gemeindeglieder – kannten die in voller Blüte stehende Diasporaarbeit der Brüdergemeine in Preußen, Polen und Schlesien. Den nach Wolhynien Ausgewanderten war es Recht, seelsorgerlich Unterstützung durch tüchtige Herrnhuter Sendboten zu bekommen.

Als Wilhelm Gottfried Lange im September 1884 die Kolonie Schadura – 175 Kilometer westlich von Kiew – erreichte, fand er eine weitverstreute Gemeinde in kaum zugänglichen Eichen- und Birkenwäldern vor. Trotz dieser widrigen Umstände begannen die Siedler unter Wilhelm Gottfried Lange mit der Gründung einer kleinen Brüdergemeine.

Noch im selben Jahr bot sich der Brüdergemeine eine andere Möglichkeit zum Dienst unter geistlich unterversorgten Christinnen und Christen. Eine Tagesreise südlich von Sarepta hatte eine Gruppe deutscher Aussiedler aus Schwaben ein Gut von der Witwe eines russischen Generals gepachtet. Sie waren 1879 aus Saratow, 250 Kilometer nördlich von Sarepta, die Wolga herabgezogen, weil sie in Saratow – unter Orthodoxen – nicht die gewünschte Glaubensfreiheit genossen. Sie sehnten sich nach einem eigenen Prediger, den sie bei der Brüdergemeine in Sarepta von Pfarrer Bernhard Fliegel erbaten. Er nahm neunzig von ihnen als Kommunikanten der Brüdergemeine auf und gab der neu entstehenden Herrnhuter Diaspora-Gemeinschaft den Namen Gnadenthal. Dieses Handeln erzürnte jedoch die zaristische Regierung, die absolut keine neue Brüdergemeine erlauben wollte. Sie stellte die Mitglieder der Brüdergemeine Gnadenthal vor die Wahl: entweder kein Kontakt mehr mit den Herrnhutern oder Entzug des ihnen zur Verfügung gestellten Ackerlandes. Die Herrnhuter in der West-Ukraine entschieden sich für die Glaubensfreiheit.

 

Aufbruch nach Südamerika


 

 

Zusammen mit ihrem Pfarrer Wilhelm Gottfried Lange und im Einvernehmen mit der Unitätsältestenkonferenz in Herrnhut wanderten die Deutschschwaben noch ein weiteres Mal aus: diesmal nach Brasilien, wo sie 2.500 Morgen Land erwerben konnten. Dort gründeten sie 1885 im Bundesstaat Santa Catarina bei der Stadt Joinville die Brüdergemeine Brüderthal.

Noch heute leben in Brasilien zahlreiche Nachkommen von Gottfried Wilhelm Lange und seiner Frau Claire Reuge (1857 – 1921) aus Neuchâtel in der französischen Schweiz, mit der er in Joinville am 27. Juli 1887 die Ehe einging. Und vor allem lebt in Brasilien noch die Erinnerung an diesen treuen Pfarrer, der für seine Gemeindeglieder weite Wege ging. Die Tatsache, dass die Verbindung zwischen der Brüdergemeine in Deutschland und der Gemeinde Brüderthal in Brasilien im 20. Jahrhundert aus finanziellen Gründen und wegen des 1. Weltkrieges abbrach, vermochte die Dankbarkeit für das Wirken Gottfried Wilhelm Langes nicht zu schmälern. Heute ist die Gemeinde von Gottfried Wilhelm Lange eine lutherische Gemeinde.

 

 

Andreas Tasche ist Pfarrer im Ruhestand,
er lebt in Dresden-Wilschdorf.

 

 

Im Jahre 2018 erschien die 196-seitige Masterarbeit der jungen Forscherin Marcela Elias Santos Gonçalves von der Universität in São Paulo, Philosophische Fakultät, mit dem Titel „Memórias au-tobiográficas e cartas de Claire Lange: uma análise fenomenológica“ (Claire Langes autobiografische Memoiren und Briefe: eine phänomenologische Analyse). Dazu kann eine PDF herungeladen werden: PDF-Download 

Schon im Jahre 2003 erschien ein 450-seitiges Buch des Historikers Saulo Adami über Wilhelm Gottfried Lange mit dem Titel: „Testemunho de Fé - Memorial do Pastor Wilhelm Gottfried Lange“ (Ein Glaubenszeugnis – Erinnerung an Pastor Wilhelm Gottfried Lange); ISBN: 8587291521.


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Artikel veröffentlicht am 06. Februar 2026

 

Artikel veröffentlicht am 06. Februar 2026