Wiederaufführung des Lied-Oratoriums in Herrnhut


ein Bericht von Christian Flöter

 

 

Als die Evangelische Brüdergemeine Herrnhut kürzlich auf das vergangene Jahr zurückblickte, war für viele Gemeindeglieder ein Highlight klar auszumachen: An den Abenden des 7. und 8. Novembers lag eine besondere Spannung in der Luft des voll besetzten Kirchensaals. Anlässlich des 80. Todestages des Theologen Dietrich Bonhoeffer wurde sein Lebensweg in einem Lied-Oratorium lebendig – eindrucksvoll, bewegend und in seiner Aktualität kaum zu überhören. Anlässlich seines 120. Geburtstages am 4. Februar ist nun eine Wiederaufführung geplant.

 

Dietrich Bonhoeffer, geboren 1906 in Breslau, ist als lutherischer Pfarrer, Jugendreferent, Wissenschaftler und nicht zuletzt als Teil des Widerstands gegen den Nationalismus für Hoffnung und ein vertrauensvolles Miteinander eingetreten – innerhalb des Deutschen Reichs und weit darüber hinaus. Früh zeigte sich seine theologische Begabung, verbunden mit einem tiefen Verantwortungsgefühl für Kirche und Gesellschaft. Bonhoeffer gehörte zu den Mitbegründern der Bekennenden Kirche und widersetzte sich offen der nationalsozialistischen Ideologie. Sein Weg führte ihn in den Widerstand, in die Haft und schließlich in den Tod: Am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet – wenige Wochen vor Kriegsende. Seine Briefe aus der Haft, seine theologischen Texte und nicht zuletzt seine geistlichen Gedichte haben bis heute nichts von ihrer Kraft verloren.
Dass Bonhoeffers Geschichte gerade in Herrnhut erzählt wurde, verlieh den Aufführungen eine zusätzliche Tiefe. Hinlänglich bekannt ist Bonhoeffers Verbindung zu den Losungen, die ihn gerade in den schweren Zeiten des Terrorregimes begleiteten. Doch schon als Kind wurde Dietrich Bonhoeffer durch seine Erzieherinnen Käthe und Maria Horn mit der Glaubenswelt der Brüdergemeine vertraut gemacht. Die beiden Schwestern entstammten selbst der Brüdergemeine, wie Peter Vogt, Pfarrer der Gemeinde in Herrnhut, bei einem Gemeindeabend im Vorfeld der Oratoriumsaufführungen berichtete. Mit Maria Horn, als Kindermädchen liebevoll „Hörnchen“ genannt, verbrachten Dietrich und seine jüngeren Geschwister viel Zeit. Ihr Lieblingsspiel: „Verbrecher mit Bekehrung“. 

In den Texten des Lied-Oratoriums ließ Librettist Dieter Stork sowohl der Persönlichkeit wie auch den Ideen Bonhoeffers einen angemessenen Raum. Neben biografischen Informationen hörte das Publikum vor allem Gedanken Bonhoeffers zum Leben eines Christen in Bedrängnis, Not und Ängsten – und davon, wie biblische Worte und eine enge Bindung an Jesus Christus darin Ausdauer und Lebensfreude schenken. Die Musik von Matthias Nagel mit Anklängen an jiddischen Gesängen, gregorianischen Chören und nicht zu wenig an geschmackvollem Pop schuf dazu einen Klangraum, der zwischen leiser Innerlichkeit und großer Ausdruckskraft wechselte. So wurde auch musikalisch deutlich: Bonhoeffers Geschichte ist keine ferne Historie, sondern spricht in die Gegenwart hinein.

 

Zu einem Highlight des kirchlichen und kulturellen Lebens im Jahr 2025 wurden die Aufführungen besonders durch das harmonische Miteinander in einem großen Ensemble, das neben Mitgliedern des Herrnhuter Kirchenchores auch etliche Mitwirkende aus anderen Gemeinden und vor allem aus den Schulen der Stadt umfasste. Sowohl im großen Chor mit siebzig Sängerinnen und Sängern wie auch im Instrumental-Ensemble und der Band fanden sich Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte der Evangelischen Zinzendorfschulen sowie der Johann-Amos-Comenius-Schule in Herrnhut. Besonders die Mitwirkung der Kinder und Jugendlichen verlieh dem Projekt eine spürbare Lebendigkeit, am Eindrücklichsten in den Solos von Milan Kretschmar und Lena Glombitza, die dem Liebespaar Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer ihre Stimmen liehen.

 

Unter der musikalischen Leitung von Kantorin Christiane Rönsch entstand ein ausgewogener, klar strukturierter Klang, der sowohl die leisen als auch die dramatischen Momente zur Geltung brachte. Bernhard Cain, der als Sprecher durch die Lebensstationen Bonhoeffers führte, fand einen Ton, der nüchtern und eindringlich zugleich war. Seine Stimme verband die Lieder miteinander, eindrücklich unterstützt durch die Lichttechnik: Schüler der Zinzendorfschulen sorgten für stimmige Licht- und Bildprojektionen, die den Raum öffneten und den Texten zusätzliche Ebenen verliehen. Historische Bilder, zurückhaltende Farbflächen und eingeblendete Liedtexte waren präzise abgestimmt und niemals aufdringlich.

Neben den Projektionen half dem Publikum auch das sorgfältig und stilvoll gestaltete Programmheft, dem Lied-Oratorium zu folgen. Besonders intensiv wurde es, wenn die Gemeinde selbst die musikalische Botschaft der Aufführung mittragen durfte: Neben zweier Kanons ertönte ihr Gesang zu Bonhoeffers wohl berühmtesten Text: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, hier in nicht vertrauter und doch eingängig von Matthias Nagel komponierter Melodie. 

So entstand eine Atmosphäre, die viele Besucherinnen und Besucher sichtlich bewegte. Begeisterung über die musikalische Qualität mischte sich mit einer spürbaren Nachdenklichkeit. Die Freude über das gemeinsame Singen und Musizieren stand neben der Beklemmung angesichts eines Lebens, das im Widerstand endete. Unausgesprochen stellte sich die Frage, wie viel Mut und Haltung heute nötig sind – eine Frage, die das Oratorium offenließ und gerade dadurch wirksam machte.
Der langanhaltende Applaus am Ende, der in Standing Ovations mündete, war mehr als ein Dank an die Mitwirkenden. Er war Ausdruck tiefer Anerkennung und der Gewissheit, einen Abend erlebt zu haben, der nachklingt.
Aufgrund der großen Resonanz wird das Lied-Oratorium anlässlich des 120. Geburtstags von Dietrich Bonhoeffer erneut aufgeführt. Unterstützt werden die Aufführungen am 4. und 5. Februar durch die Dietrich-Bonhoeffer-Stiftung, die damit ein wichtiges Zeichen für die lebendige Erinnerungskultur setzt. 

 

Christian Flöter ist Redakteur des Herrnhuter Boten.
Er lebt in Herrnhut.

Fotos: © Patrick Weißig

 

 

 

Dietrich Bonhoeffer – ein Leben


Liedoratorium für Sprecher, Chor, Instrumentalensemble und Band
Kirchensaal der Brüdergemeine Herrnhut

Mittwoch, 4. Februar 18 Uhr
Donnerstag, 5. Februar, 18 Uhr

Gefördert werden die Aufführungen von der Dietrich-Bonhoeffer-Stiftung  Berlin.

Eintritt ist frei – eine angemessene Kollekte zur Finanzierung der Auftritte wird erbeten.

Weitere Informationen in unserem Veranstaltungskalender

 

Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2026

 

Artikel veröffentlicht am 23. Januar 2026