Kirche zwischen Tradition, Vielfalt und Aufbruch


von Andreas Herrmann

 

Eine Reise durch Suriname macht schnell deutlich: Kirche ist hier lebendig, vielfältig und tief in der Gesellschaft verwurzelt. Im März erlebten Teilnehmende einer Begegnungsreise der Herrnhuter Missionshilfe (HMH) genau diese Vielfalt – in der Hauptstadt Paramaribo ebenso wie im abgelegenen Binnenland mit seinem Regenwald. Die Reise führte auch dorthin, wo einst Herrnhuter Missionare unter den Marron, den Nachfahren versklavter Afrikaner, wirkten – und wo kirchliche Arbeit bis heute den Alltag vieler Menschen prägt. Gerade im Binnenland zeigt sich, wie umfassend kirchliches Engagement ist. Die „Medische Zending“ sichert dort zum Beispiel bis heute die medizinische Grundversorgung – oft unter schwierigen Bedingungen per Kleinflugzeug. 

Seit fast drei Jahrhunderten ist die Herrnhuter Brüdergemeine in Suriname präsent. Bereits 1735 begann ihre Missionsarbeit. Der historische Hintergrund ist eng mit der Kolonialgeschichte Surinames verbunden. Die niederländische Plantagensklaverei galt als besonders hart und grausam; Zeitgenossen und Historiker beschreiben die Lebensbedingungen der Versklavten als extrem brutal. Viele Menschen flohen daher in den Regenwald und gründeten dort eigenständige Gemeinschaften. 
       Ein besonderes Merkmal der Brüdermission begann damals ebenfalls:  respektvoller Umgang mit Sprache und Kultur. Mission bedeutete hier nie kulturelle Überformung, sondern Verständigung. So entstanden weitere Gemeinden unter ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen – unter Kreolen, indigenen Arawaken und Caraiben sowie unter Javanern, Hindustanis und Chinesen, die als billige Lohnarbeiter nach Suriname kamen. Gerade dieser Ansatz erklärt, warum die Herrnhuter innerhalb des Protestantismus eine so zentrale Rolle spielen: Sie waren die erste Kirche, die konsequent verschiedene Bevölkerungsgruppen erreichte, ihre Sprachen lernte und kirchliches Leben in unterschiedlichen kulturellen Formen ermöglichte. Dadurch konnten sie sich breit in der Gesellschaft verankern – bis heute.
       Die Kirchen stehen dabei in einem religiös vielfältigen Umfeld. Neben den christlichen Konfessionen ist der Winti-Glaube als afro-surinamische Religion seit 2011 offiziell anerkannt. Für viele Menschen existieren christlicher Glaube und traditionelle religiöse Praktiken nebeneinander. Gleichzeitig wachsen pfingstlerische und evangelikale Gemeinden, die mit lebendigen Gottesdiensten und persönlicher Frömmigkeit viele Menschen ansprechen und das religiöse Leben zunehmend prägen.

Zahlen zur religiösen Zusammensetzung Surinames  


 

  • Christen gesamt: ca. 51 – 52 %
    • katholische Kirche: ca. 20 – 22 %
    • Pfingstkirchen/evangelikale Gruppen: ca. 12 – 14 %
    • Herrnhuter Brüdergemeine: ca. 10 – 11 %
  •  Hinduismus: ca. 19 – 20 %
  •  Islam: ca. 14 – 15 %
  • Religionslos / ohne Angabe: ca. 5 – 7 %
  • Traditionelle Religionen (z. B. Winti): ca. 2 – 4 %

(Quelle: Countrymeters 2025)

Innerhalb des Protestantismus gehören Pfingstkirchen und Brüdergemeine zu den größten Gruppen. Während evangelikale Gemeinden in den letzten Jahren gewachsen sind, bleibt die Herrnhuter Brüdergemeine aufgrund ihrer historischen Verwurzelung, ihrer Bildungsarbeit und ihrer Präsenz in vielen Bevölkerungsgruppen eine der prägendsten Kirchen des Landes. 
       Der Präses der Evangelischen Brüdergemeine (EBGS), Runaldo Gallant, beschreibt die aktuelle Lage nüchtern und zugleich zuversichtlich:
„Die wichtigste Aufgabe bleibt die Verkündigung des Evangeliums – aber wir stehen vor großen Herausforderungen: dem Mangel an Pfarrern, finanziellen Schwierigkeiten und der Frage, wie wir Menschen heute noch erreichen.“  Carl Breeveld, Theologe und ehemaliger Abgeordneter sowie Mitbegründer der Partei „Demokratie und Entwicklung in Einheit“ (DOE), unterstreicht die gesellschaftliche Dimension des Glaubens:
„Als Kirche dürfen wir uns nicht aus der Gesellschaft zurückziehen. Glaube bedeutet auch Verantwortung für Gerechtigkeit, Transparenz und eine gute Entwicklung unseres Landes.“
       Breeveld ist Mitbegründer des kirchlichen Radiosenders Radio Shalom, der seit vielen Jahren als übergemeindliche Stimme christlicher Verkündigung und Information im Land wirkt. Auch innerhalb der Kirche selbst gewinnen soziale Themen zunehmend an Gewicht. Muriel Held, verantwortlich für Frauenarbeit in der Brüdergemeine, betont: „Wir können Gewalt gegen Frauen nicht wirksam bekämpfen, wenn wir nicht auch die Männer mit einbeziehen.“
       Frauenkreise und diakonische Initiativen setzen sich deshalb gezielt für Familien, Bildung und soziale Unterstützung ein – sowohl in der Stadt als auch im Binnenland. 

Eng mit der Geschichte der Brüdergemeine verbunden ist auch die Firma C. Kersten & Co., gegründet 1768 vom Herrnhuter Missionar Christoph Kersten. Was als kleine Schneiderei begann, entwickelte sich zu einem bedeutenden Unternehmen mit über einem Dutzend Geschäftsbereichen. Bis heute fließen Teile der Erträge in kirchliche, soziale und Bildungsprojekte – ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Mission und wirtschaftliche Verantwortung zusammengehen können. Ein weiterer Schwerpunkt kirchlicher Arbeit ist die Bildung. Ein erheblicher Teil der Schulen in Suriname wird von der Brüdergemeine getragen – darunter auch die Maria-Hartmann-Schule, die beispielhaft für dieses Engagement steht. 
       Die Hauptstadt Paramaribo, deren historische Altstadt zum UNESCO-Welterbe gehört, ist ein sichtbares Zentrum dieser Geschichte. Die große Stadtkirche der Brüdergemeine, die „Mamakerki“, prägt ebenso das Stadtbild wie die römisch-katholische Kathedrale St. Peter und Paul – eines der größten Holzgebäude Südamerikas, das mit Unterstützung der Europäischen Union aufwendig restauriert wurde.
       Mit Blick auf die Zukunft steht Suriname vor großen Chancen – und Herausforderungen. Vor der Küste wurden bedeutende Erdölvorkommen entdeckt, die dem Land wirtschaftlichen Aufschwung bringen könnten. Auch hier ist Kirche gefragt, ihre Stimme für verantwortungsvolles Handeln, Gerechtigkeit und den Bewahrung der Schöpfung zu erheben. Sie bleibt ein lebendiger Ort des Glaubens – und ein wichtiger Akteur in einer sich wandelnden Gesellschaft. Auch die Teilnehmenden der Begegnungsreise der Herrnhuter Missionshilfe nahmen viele dieser Eindrücke, Gespräche und Erfahrungen mit zurück – und tragen sie nun weiter in ihre Gemeinden in Deutschland und der Schweiz.

 

Andreas Herrmann ist Presse- und Rundfunkbeauftragter
der Evangelischen Brüder-Unität

 

 

Ein Radio-Feature zur Suriname-Reise


veröffentlicht bei www.radio-zett.org

 

Artikel veröffentlicht am 16. April 2026

 

Artikel veröffentlicht am 16. April 2026