„Wir lernten lieben“
Das Abendmahl des 13. August 1727
von Paul Peucker
Für die Gemeinde in Herrnhut war es wohl das zentrale Ereignis im Jahr 1727: die Abendmahlsfeier am 13. August. Aber was wissen wir eigentlich darüber?
Unter den Frommen jener Zeit waren Abendmahlsfeiern ein wichtiges Thema. Sie waren Teil des öffentlichen Gottesdienstes. Zugelassen wurden alle Gemeindemitglieder, die vorher zur Beichte gegangen waren. Jedoch empfanden die sogenannten Erweckten es als unangenehm, das Abendmahl als der heiligsten Handlung des Christentums zusammen mit anscheinend „unbekehrten“ Personen empfangen zu müssen. Auch in Herrnhut war das Abendmahl von Anfang an ein umstrittenes Thema.
Die Siedlung gehörte zum lutherischen Kirchspiel Berthelsdorf, in dem Johann Andreas Rothe (1688–1758) seit 1722 Pfarrer war. Die Verpflichtung, beim Ortspfarrer in Berthelsdorf zur Beichte zu gehen, wurde nach Beschwerden unter den Herrnhutern im Jahr 1725 aufgehoben. Die kirchliche Bestimmung, dass eine Abendmahlsfeier in einer Kirche stattzufinden habe, blieb aber weiterhin verbindlich. Darum gingen die Herrnhuter, auch wenn sich die Gemeinschaft immer mehr als eigenständige religiöse Gemeinschaft zu verstehen begann, nach Berthelsdorf, wo das Abendmahl alle zwei Wochen sonntags stattfand.
Ob die Herrnhuter auch vor dem 13. August das Abendmahl schon manchmal unter sich gefeiert hatten, ist nicht bekannt. Klar ist jedoch, dass die Feier am 13. August bewusst keine gewöhnliche, kirchliche Versammlung war. Nachdem im Mai und Juli 1727 Statuten für die Herrnhuter Gemeinschaft eingeführt worden waren, sollte es die erste Abendmahlsfeier der neuentstandenen Gemeinde sein. Sie fand nicht an einem Sonntag, dem gewöhnlichen Tag einer kirchlichen Abendmahlsfeier, sondern an einem Mittwoch statt. Nicht Pfarrer Rothe spendete das Abendmahl, sondern der Großhennersdorfer Pfarrer Johann Lukas Siese (1690–1743), damit Rothe selbst daran teilnehmen konnte. Es war in der Oberlausitz nämlich üblich, dass ein Pfarrer sich bei einer benachbarten Kirche einen Beichtvater zur Absolution suchte, der ihm dann an einem Wochentag das Abendmahl reichte. Siese war Rothes Beichtvater, und so scheint diese Abendmahlsfeier bewusst als eine Privatkommunion angelegt worden zu sein. Diese bewegte sich innerhalb des kirchlich erlaubten Rahmens, ermöglichte jedoch eine gewisse Freiheit, namentlich in Hinsicht auf die Teilnehmer.
Die gewöhnlichen Berthelsdorfer Gemeindemitglieder waren zu dieser Feier nicht eingeladen. Nur die Mitglieder der Erwecktengemeinschaft waren am 13. August zum Abendmahl zugelassen. Laut einem Verzeichnis von zirka 1755 sollen 76 Personen teilgenommen haben; Herrnhut hatte zu der Zeit 224 Einwohner.
Am Vorabend wurden zwei Frauen, die das erste Mal zum Abendmahl gingen, Elisabeth Heintschel und Anna Fiedler, konfirmiert. Auch wurde am selben Abend der „Brüderliche Verein und Willkühr“ als zweiter Teil der Statuten der Erwecktengemeinschaft von allen Brüdern und Schwestern unterschrieben.
Die Beschreibung des 13. Augusts im Herrnhuter Diarium ist leider nicht sehr detailliert. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob es, wie es bald üblich wurde, im Herrnhuter Saal eine Versammlung gab, bevor die Abendmahlsteilnehmer nach Berthelsdorf hinuntergingen. Das Diarium schreibt jedoch, dass es vorher persönliche Gespräche gab: „Zuvor, ehe wir in die Kirche giengen und auf dem Wege hinein, redete je einer mit dem andern, und hie und da fanden sich ihrer zwey, die sich untereinander zusammenschlossen unter den Brüdern.“ Nach dem Eingangslied „Entbinde mich, mein Gott, von allen meinen Banden“ (Gesangbuch Brüdergemeine 1967, Nr. 742) segnete Pfarrer Rothe die Konfirmanden ein. Während des nachfolgenden Liedes „Hier legt mein Sinn sich vor dir nieder“ (Gesangbuch 2007, 566) kniete man hin und bei vielen zeigten sich die innerlichen geistlichen Regungen: „Man konte kaum unterscheiden, ob gesungen oder geweinet wurde.“ Nach diesem Lied sprachen einige Teilnehmer ein Gebet, in dem es darum ging, die innerliche Trennung zu überwinden. Pfarrer Siese erteilte die Absolution und bediente dann das Abendmahl. Über das Abendmahl selbst, das wohl nach dem üblichen lutherischen Ritus, wobei die Teilnehmer nach vorne kamen, gehalten wurde, und über das, was danach geschah, ist das Diarium kurz: „und wir giengen ziemlich außer uns selbst ein jeglicher wieder heim“. Indem Zinzendorf auf dem Rückweg dabei war, sich mit einem Mann zu versöhnen, der sich von der Herrnhuter Gemeinde getrennt hatte, stach ihn eine Wespe. Zinzendorf betrachtete dies als eine Bestätigung, dass er dabei war, Gottes Werk zu verrichten. Denn der Wespenstich könne doch nur als ein Versuch Satans aufgefasst werden, ihn daran zu hindern.
Eine andere Quelle schreibt, dass die Herrnhuter, nachdem sie aus Berthelsdorf zurückgekommen waren, auf dem Saal des Gemeinhauses zusammenkamen: Hier „geriethen sie durch das kräfftige Wehen des Geistes Gottes in eine solche ausnehmende Liebes-Verbindung, daß sie sich auf Jesu Christi Tod und Verdienst, Blut und Wunden, unter sehr vielen Thränen zu einer Gemeine des geschlachteten Lammes Gottes einmüthig verbanden; welche Gnaden-Kräffte auch noch einige Tage hinter einander in grosser Bewegung der Hertzen fortgingen“ (Zinzendorf, Theologische Bedenken, Vorrede, § 7). Laut diesem Text, der von Polycarp Müller verfasst wurde, fand die eigentliche Erweckung also nicht in der Berthelsdorfer Kirche, sondern auf dem Saal in Herrnhut statt.
Das Herrnhuter Diarium führt fort: „Wir brachten diesen und folgende Tage in einer stillen und freudigen Faßung zu, und lernten lieben.“ Diese Worte, „wir lernten lieben“ werden seit jeher als dem Hauptpunkt angesehen: Von diesem Zeitpunkt an waren die Herrnhuter bereit, eine Gemeinschaft der geschwisterlichen Liebe zu bilden. Liebe war nach Zinzendorfs Auffassung das Merkmal einer apostolischen Gemeinde: Nach den Worten Jesu war Liebe die Haupteigenschaft der Jünger Jesu; wahre Bruderliebe war das charakteristische Merkmal eines wahren Christen. Nur die, die wirklich lieben und Gutes tun, können Kinder Gottes genannt werden.
Noch viele Jahre danach feierten die Herrnhuter das Abendmahl nicht im eigenen Saal, sondern in der Berthelsdorfer Kirche. Dies war jedoch nicht ein öffentliches, lutherisches Abendmahl, sondern eine gesonderte Feier der Herrnhuter, die nur wegen der rechtlichen Lage in der Pfarrkirche und unter der Leitung des Ortspfarrers stattfand. Außerdem war diese Feier in einem liturgischen Rahmen eingebettet, der in Herrnhut anfing und endete. Zuerst versammelten sich die Abendmahlsteilnehmer im Saal des Gemeinhauses, wo Zinzendorf – nach einem Lied und einem Gebet – eine Rede hielt. Dann gingen die Kommunikanten zur Kirche nach Berthelsdorf. Hier richtete Pfarrer Rothe nach einer „Ermahnung“ statt der sonst üblichen Privatbeichte eine Reihe von Fragen an die Gemeinde. Anschließend feierten die Herrnhuter während des Absingens verschiedener Lieder das Abendmahl. Nach der Rückkehr in Herrnhut versammelte man sich wieder im Saal. Hier sang die Gemeinde ein Lied über Bruderliebe und gab sich gegenseitig den Friedenskuss. Am Abend kam die Abendmahlsgemeinde noch einmal zusammen, um im Saal ein Liebesmahl zu feiern. So war das Herrnhuter Abendmahl in gewissem Sinne jeweils eine Wiederholung des Abendmahls vom 13. August 1727 und gleichzeitig eine Erinnerung daran, wobei sich die Gemeinde jedes Mal erneut auf die gegenseitige Liebe verpflichtete und verband. Diese Art der Abendmahlsfeier ermöglichte es den Herrnhutern, dieses Sakrament weitestgehend nach ihren eigenen Vorstellungen durchzuführen, und zwar ohne die Anwesenheit unbekehrter Personen und ohne den Verdacht der Außenwelt zu erregen, dass etwa gegen die geltenden kirchlichen Regeln verstoßen wurde. Erst 1758 wurde Herrnhut aus der Berthelsdorfer Parochie ausgegliedert und zu einer eigenen Parochie gemacht.
Paul Peucker ist Leiter des Archivs der Nordprovinz der Brüder-Unität in Nordamerika.
Er lebt in Bethlehem (Pennsylvania).




