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Sonntag, 6. Januar 2019

Kirche und Social Media – geht das?

Von J. Näumann

Laut einer aktuellen Marktstudie nutzen 90 Prozent aller deutschen Internetnutzer Social-Media-Anwendungen. An der Spitze liegt YouTube mit 81 Prozent, gefolgt von Facebook mit 76 Prozent und WhatsApp (73 Prozent). Und: Obwohl die Nutzung unter den 14-19 Jährigen bei 100 Prozent liegt, handelt es sich dabei keinesfalls um ein Phänomen »der Jugend«. Immerhin 85 Prozent der über 65 Jährigen sind als »Silver Surfer« bei Facebook & Co unterwegs.[1] Die Frage, ob sich eine Kirche im Bereich Social-Media engagieren soll, stellt sich angesichts dieser Zahlen nicht. Die Kirche muss aber ihre eigene Position und Formen des Umgangs finden.

Das Potential ist zweifellos groß: Menschen – ob zur Gemeinde gehörend oder kirchenfern – können dort erreicht werden, wo sie viel Lebenszeit verbringen: am Computer, Tablet und Smartphone. Es lassen sich Netzwerke bilden und einfach Informationen streuen. Kirchen können Veranstaltungen bewerben, digitale Foren moderieren und Gottesdienste per Livestream übertragen. Unternehmen und Interessengruppen haben das längst erkannt und investieren viel Kapital in den Aufbau von großen Social-Media-Abteilungen, bis hin zum Einsatz künstlicher Intelligenz zur Steuerung ihres gesellschaftlichen Einflusses.

Spätestens hier wird deutlich: Social-Media ist mehr als nur ein neuer medialer Verbreitungskanal wie das Buch oder das Radio. Seit der Entwicklung des Smartphones verfügt die Gesellschaft nicht nur über ein zweifellos bahnbrechendes Kommunikationsmittel, es verändert sich dadurch auch das Kommunikationsverhalten in einer Weise, wie wir sie bislang nur erahnen können. So sind anstatt des grenzenlosen Austausches auch Filterblasen entstanden, in denen sich Menschen selbstreferentiell ihrer Vorurteile vergewissern. Der US-Präsident verkündet seine Memoranden in sprachlich embryonalen Tweets, der politische Diskurs verkümmert auf den Austausch oberflächlicher Parolen und hysterischer Shitstorms – leider auch bei Menschen, die eigentlich nur Gutes im Schilde führen.

Bereits vor einigen Jahren schrieb daher der Politikwissenschaftler Andre Wilkens ein Buch unter dem Titel »Analog ist das neue Bio«, im Silicon Valley versuchen die Manager der Tech-Konzerne, ihre Kinder von ihren eigenen Erfindungen im Social-Media-Bereich fernzuhalten – und schicken sie auf Waldorfschulen.

Gerade hier werden die Kirchen gefragt sein: indem sie verantwortungsvoll die Vorteile von Social-Media-Anwendungen nutzen. Gerade in der Brüdergemeine mit ihren großen Bereichsgemeinden und der großen räumlichen Entfernung ihrer Ortsgemeinden untereinander lassen sich intern völlig neue Kommunikationswege aufbauen, ganz zu schweigen von der Ansprache potentieller neuer Mitglieder. Gleichzeitig muss aber auch wichtiger Teil der Strategie sein, Freiräume zu erhalten, in denen direkter menschlicher Kontakt gepflegt wird, Nähe und Empathie erfahrbar sind und Diskussionen in gegenseitigem Respekt geführt werden. Damit kann die Kirche nicht nur ein Zeichen gegen Populismus aus jeglicher Richtung setzen, sie geht damit auch auf menschliche Bedürfnisse ein, die gerade im Social-Media-Zeitalter größer sind als je zuvor.


[1] Social-Media-Atlas 2018 auf www.faktenkontor.de