»du warst wundersam bewegt«

Goethe und die Losungen

Johann Wolfgang Goethes Frankfurter Elternhaus war in vieler Hinsicht welt- und geistig offen. Dazu gehörte auch die prägende pietistische Frömmigkeit der Frau Rätin Goethe, seiner Mutter. Als Goethe 1801 eine lebensgefährliche Erkrankung überwunden hatte, schrieb sie ihm am 7. Februar: »Der 6te Februar da ich deinen mir so theuren Brief erhilt, war ein Jubel, ein Beth und Danckfest vor mich! ohnmöglich konte ich diese große Freude vor mich behalten. [...] Unsere gantze Stadt war über deine Krankheit in alarm - so wie deine Besserung in den Zeitungen verkündigt wurde. [...] Was ich gethan habe weiß niemand als - Gott!« Und dann folgt ein Bericht, der in zweifacher Weise von nicht geringer Bedeutung ist. Die Mutter schreibt an ihren Sohn: »Vermuthlich ist dir aus dem Sinne gekommen was du bey deiner Ankunft in Straßburg - da deine Gesundheit noch schwankend war in dem Büchlein das dir der Rath Moritz als Andenken mitgab, den ersten Tag deines dortseyn drinnen aufschlugs - du schriebst mirs und du warst wundersam bewegt - ich weiß es noch wie heute! Mache den Raum deiner Hütten weit, und breite aus die Teppige deiner Wohnung, spahre sein nicht - dehne deine Seile lang und stecke deine Nägel fest, denn du wirst aus brechen, zur rechten und zur lincken. Jesaja - 54. V.2.3. Gelobet sey Gott!!! der die Nägel den 12ten Jenner 1801 wieder fest gesteckt - und die Seile aufs neue weit gedehnt hat. [...] Gott stärcke dich ferner an Seele und Leib dieses ist mein täglicher Wunsch und das Gebeth deiner treuen - frohen Mutter Goethe«. Bei dem »Büchlein« handelt es sich nachweislich um die Herrnhuter »Loosungen« 1770 und die zitierte Bibelstelle vom 4. April. Es ist bemerkenswert, dass der dänische Legationsrat in Frankfurt, Johann Friedrich Moritz (1716- 1777), ein »Weltmann von einer ansehnlichen Gestalt« dem jungen Studenten zum »Andenken« die »täglichen Loosungen der Brüder-Gemeine« mit auf den Weg gab und dieser von dieser geistlichen Nahrung Gebrauch machte. Rat Moritz war Pietist und juristischer Geschäftsfreund von Goethes Vater, verkehrte in Goethes Elternhaus und vermittelte dem jugendlichen Sohn mathematische Kenntnisse. Mit ihm besuchte Goethe am 21./22. September 1769 die Herrnhuter Brüdergemeine in Marienborn. Sein älterer Bruder Heinrich Philipp (1711-1769), Kanzleidirektor, Geschäftsträger mehrerer kleinerer Fürsten und Hofrat, bezog 1762 nach dem Auszug des französischen Königsleutnants (Statthalter des Königs während des Siebenjährigen Krieges) Thoranc (1719-1794) mit Frau und Kindern den 1. Stock von Goethes Elternhaus, um neue Einquartierungen zu vermeiden. Der pietistisch-herrnhutische Geist war am Großen Hirschgraben nichts Fremdes.

Aber auch für die Goethe-Forschung ist die Aussage der Frau Rätin von einigem Belang, war doch bisher der Ankunftstag des jungen Studenten in Straßburg durch schriftliche Quellen nicht belegt. Der Reiseweg, den Goethe an seinen neuen Studienort, »auf der neu eingerichteten bequemen Diligence, ohne Aufenthalt und in kurzer Zeit« zurücklegte, ist dokumentiert; er führte über Oppenheim, Worms, Bobenheim, Speyer, Germersheim, Rheinzabern, Bienwald, Lauterburg, Selz, Beinheim, Sessenheim, Drusenheim, Wanzenau. Der Tag der Ankunft in Straßburg war bisher nicht gesichert. In den Goethe-Biographien ist meistens von »Anfang April« die Rede. In der dokumentarischen Chronik von »Goethes Leben von Tag zu Tag« heißt es: »Wohl Mittwoch, 4. April«. Dieses Datum findet durch die Herrnhuter Losung seine vollgültige Bestätigung. Goethe ist definitiv am Mittwoch, dem 4. April 1770, in Straßburg angekommen. 

Dr. Guntram Philipp, Rösrath