Die Unitätsgebetswacht

Gebetswacht der Brüdergemeine Gnadau

Eine Mauer des Gebets 

Die Anfänge der Gebetswacht reichen ins Jahr 1727, nur wenige Tage nach der geistlichen Einigung der zuvor zerstrittenen Gemeinde am 13. August im noch kleinen Herrnhut. Nach dem Gemein-Tagebuch entstand die Idee am 22. August: 

Wir beschlossen, ein freiwilliges Opfer der Fürbitte anzuzünden in unserem Orte, welches Tag und Nacht brennen könnte, ließen aber der Wirkung des Herrn in den Herzen der Brüder den völligen Lauf und begnügten uns, diese Sache zu vorzuschlagen.

Nach den damaligen Zeugnissen waren äußere Anfeindungen der Anlass, Gott um seinen Schutz anzuflehen und dafür das Stundengebet einzurichten. Deswegen wurde auch die Bibelstelle Jesaja 62,6-7 zur Begründung herangezogen: »O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen.« Innerhalb weniger Tage meldeten sich viele Freiwillige – bis zum 27. August waren es 42 Brüder und 28 Schwestern. Der Gebetsdienst wurde auf je 24 Schwestern und Brüder aufgeteilt, die ihn zu Hause in ihrer Wohnung je eine Stunde lang durchführen sollten. 

Betet ohne Unterlass 

Im 20. Jahrhundert wurde das Stundengebet an mehreren Orten wiederentdeckt. Zunächst waren es 1950 die Gemeinden Herrnhut und Königsfeld, die, angeregt vom früheren Stundengebet, Gebetsgruppen einrichteten. Dahinter stand das Anliegen einer geistlichen Konzentration und Besinnung auf Gott nach den Schrecken des Krieges und der Nachkriegszeit. Die Schwestern des Herrnhuter Missionsgebetskreises schlugen vor, das Jubiläumsjahr 1957 (500 Jahre Brüder-Unität) in einer weltweiten Gebetskette zu verbringen. Angeregt wurden sie dabei durch das 1956 in indischen Kirchen durchgeführte ununterbrochene Gebet. Der Missionskreis schlug auch einen konkreten Ablauf des Stundengebets vor mit den Elementen Lobpreis und Dank, Buße und Fürbitte. Dieser Vorschlag wurde von der weltweiten Brüder-Unität aufgenommen. Der Aufruf wurde von 26 Bischöfen aus acht Unitätsprovinzen unterzeichnet. Neben der geographischen Verteilung der 365 Tage des Jahres auf die einzelnen Provinzen der Brüder-Unität gab es auch eine inhaltliche Aufteilung. Jeweils eine Stunde pro Tag sollte für eine von 24 Regionen in der Welt gebetet werden.

Seit über 50 Jahren

Aufgrund der dabei gemachten guten Erfahrungen führte die Unitätssynode 1957 in Bethlehem (Pennsylvania, USA) die Unitätsgebetswacht als ständige Einrichtung ein. Nach einigen vorbereitenden Tagungen waren auf dieser Synode erstmals wieder Vertreter der Brüder-Unität aus allen Regionen der Erde zusammengekommen. Man spürte: Die kriegsbedingte Spaltung und Feindschaft zwischen Amerikanern, Tschechen, Niederländern, Dänen einerseits und Deutschen andererseits konnte überwunden werden. Wo vorher Trennung herrschte, wurde nun Verbindendes gesucht. Eine solche innere Verbindung wurde in der fortlaufenden Gebetskette gesehen. Und auch in den nachfolgenden Jahren wurde diese Gebetswacht fortgeführt, inzwischen wieder seit über 50 Jahren. 

Allgemein und konkret beten 

Was ist nun der Inhalt des Gebets? Zinzendorfs Mitarbeiter Spangenberg nannte die »Fürbitte für die gesamte Kirche Jesu, für die Gemeine ..., für alle Brüdergemeinen und derselben Gruppen, für einzelne Seelen, für die Pilger und Boten des Herrn, für das Land, darin man wohnt, für die Obrigkeit und Lehrer, für die gesamte Christenheit und für das ganze menschliche Geschlecht«. Das Gebet war also schon in den Anfängen konkret und spezifisch. Man informierte sich gegenseitig über die verschiedenen Gebetsanliegen, betete aber auch für fernere Brüder und Schwestern in anderen Völkern, von denen man nichts Genaues über ihre aktuellen Sorgen und Freuden wusste. 

Zu jeder Zeit und an jedem Ort beten 

Auch wenn es eine lange Geschichte des 24-Stunden-Gebets in der Brüder-Unität gibt, so heißt das nicht, dass diese Gebetsform für uns die einzige oder wichtigste wäre. Eine wesentliche Erkenntnis unseres Gründervaters Zinzendorf war die, dass das Gebet in den Alltag gehört. Beten, mit Gott reden, kann man zu jeder Zeit und an jedem Ort. Man braucht dazu keine besonderen Räume oder Orte. Zinzendorf wollte das ganze Leben in dem Sinne »liturgisch« gestalten, dass es im Bewusstsein der Gegenwart Gottes erfolgt. 

Heute kommt eine wachsende Anzahl von Besucherinnen und Besuchern nach Herrnhut, um hier zu beten. Wenn damit die Vorstellung verbunden wird, dass es besondere Orte bedarf, um zu Gott zu beten, dann ist uns das fremd. Auch der Altan auf dem Hutberg ist kein »Gebetsturm«, sondern ein Aussichtsturm. Wir sind davon überzeugt, dass sich Gott von jedem Gebet ansprechen lässt, unabhängig davon, wo und wann dieses geschieht, wie lange es dauert und welche Form es hat. 

Das 24-Stunden-Gebet garantiert nicht eine größere Segensfülle von Gott. Aber es kann uns – wie auch andere Gebetsformen – helfen, in einer lebendigen Beziehung mit dem großen Schöpfer- und Erlösergott zu stehen, ihm unsre Anliegen zu sagen und auf sein Reden zu hören.