Dienstag, 24. September 2013

Ein Fest der Bibel und der Ökumene - 400jahr-Feier der Kralitzer Bibel

Ökumenischer Festgottesdienst in Králitze, Tschechien, 2013

Titelblatt der 400 Jahre alten Kralitzer Bibel

Ein Kirchentag rund um die Bibel, das war es, was rund 2000 Besucher der Feierlichkeiten zum 400jährigen Bestehen der Kralitzer Bibel im kleinen Ort Králice am Wochenende 13.-15. September erwartete. In die wunderschöne, mit Versen der Kralitzer Bibel geschmückte, heute katholische Dorfkirche und auf eine große Festwiese strömten die BesucherInnen zu Theater und Musik aller Art, Ausstellungen, wissenschaftlichen Vorlesungen, Dichterlesungen und Filmen.

Die Kralitzer Bibel ist für Tschechien, für seine Kirchen, Sprache und Kultur so bedeutsam geworden wie Luthers Übersetzung in Deutschland. Ein Wunder eigentlich, denn die Kralitzer Bibelübersetzung entstand während der Gegenreformation in der Illegalität. Die Festung des Grafen von Žerotin in Králice war schon das zweite Versteck der brüderischen Druckerei, und als der 30jährige Krieg ausbrach, musste sie erneut fliehen und wurde nach Polen außer Landes geschmuggelt.

Aber nicht nur der Druck war illegal, die Kralitzer Bibel konnte über lange Jahrhunderte hinweg in Böhmen und Mähren nur heimlich gelesen werden und wurde, wann immer sie von den Fahndern auf Dachböden oder im Keller gefunden wurde, vernichtet. Ihre Besitzer wurden hart bestraft. Das war der Hauptgrund, warum Böhmisch-Mährische Brüder mit ihren Familien in Länder, wo das Bibellesen erlaubt war, unter Zurücklassung von Hab und Gut flohen, unter anderem - aber nicht nur! - nach Herrnhut.

Trotzdem also wurde dieses verfolgte Buch allen evangelischen und sogar vielen Katholiken in Böhmen, Mähren, Schlesien und in der Slowakei zu ihrer Bibel, zu ihrem Schatz und Erbe, als welches sie J. A. Comenius seiner Kirche im »Testament der sterbenden Mutter Brüder-Unität« ans Herz legte. Deswegen gestalteten das Festwochenende neben der Kirche der Böhmischen Brüder auch die Lutherische Kirche Schlesiens und der Slowakei mit, feierten beim Abschlussgottesdienst darüber hinaus auch Methodisten, Baptisten und sogar der Sekretär des Bischöflichen Ordinariats.

Schon die Entstehung der Kralitzer Bibel war übrigens ein übernationales Geschehen: An diesem Werk waren Tschechen und Deutsche beteiligt, ein Slowake und sogar ein polnischer Jude deutscher Sprache. Und so war es nicht mehr als natürlich, dass auch an diesem Festwochenende deutsche Gäste nicht fehlten, unter ihnen Kirchenpräsident Volker Jung von der Hessen-Nassauischen Landeskirche, der Partnerkirche der Kirche der Böhmischen Brüder, der in seinem Grußwort auch von unserer besonderen Verantwortung angesichts der auch durch deutsche Schuld belasteten Vergangenheit sprach.

Ein Thema zog sich durch die Tage: Wie können wir die Bibel als Schatz für heute wiederentdecken? Die bloße Neuherausgabe der Kralitzer Bibel mit Erklärungen, die für nächstes Jahr geplant ist, wird nicht genügen.

Das Archiv der Brüder-Unität in Herrnhut konnte übrigens in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Exemplar der sechsbändigen Kralitzer Bibel mit Erklärungen erwerben. Vorher besaß es, wie im »Brüderboten« von 1869 zu lesen ist, nur einige, vielleicht von der Flucht aus Böhmen oder Mähren stammende Bruchstücke.